Die erste Bratwurst – Von Homer bis Thüringen | Kulturgeschichte der Wurst
Eine Antwort auf das Sommerlochthema – Es geht um die (Brat-)Wurst.
Bratwurst. Allein das Wort macht Appetit und weckt Bilder: Grillglut, Senf, Semmel. Und zugleich steckt darin Geschichte, Mythos und ein gutes Stück Kultur. Denn die Bratwurst ist nicht einfach nur ein Snack, sie ist ein Symbol.
Schon Homer wusste um die Wurst. In seiner Odyssee beschreibt er, wie Odysseus sich im Zorn windet wie eine Blutwurst, die über dem Feuer liegt.
Der Ziegenmagen, gefüllt mit Blut und Fett, war eine Speise, die sich jeder vorstellen konnte. Homer benutzte sie als Vergleich – und verriet uns damit, dass es schon im 8. Jahrhundert vor Christus Wurst gab. Nicht gebrüht, nicht vakuumverpackt, sondern ganz archaisch: Wurst als Füllung im Darm oder Magen, über offener Flamme gebraten.
Würste, Wein und Freier
Auch die Freier, die Penelopes Haus belagerten, wussten, was Genuss bedeutet. Während sie auf die Rückkehr des Helden pfiffen und es sich im Palast bequem machten, ließen sie Fleischstücke auf Spießen brutzeln und Wein in Strömen fließen. Homer beschreibt sie nicht als Asketen, sondern als hemmungslose Fresser und Säufer. Dass sie dabei auf dem Grill Fleischstücke drehten, erinnert stark an heutige Rituale.
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Von Homer nach Thüringen
Die Wurst ist damit älter als jedes deutsche Stadtarchiv. Doch die Bratwurst, wie wir sie heute kennen – frisch und zum Grillen gedacht – tritt erst im Mittelalter auf. Nürnberg rühmt sich mit einem Dokument von 1313, in dem Lendenfleisch zu Würsten verhackt wird. Thüringen hält mit: 1404 verzeichnet das Arnstädter Rechnungsbuch „1 Groschen für Bratwurstdärme“.
Thomas Mauer, Leiter des Deutschen Bratwurstmuseums in Mühlhausen, sieht oder sah in dieser Notiz den ersten gesicherten Beleg für die Bratwurst überhaupt. Damit beansprucht Thüringen nicht ohne Stolz den Titel „Wiege der Bratwurst“. Ob in Arnstadt oder Nürnberg – die Wurst trat ihren Siegeszug von dort aus an und wurde zu dem, was sie heute ist: Kulturgut.
Und nun wollen Erfurter Forscher – sicher mit Professorentiteln ausgestattet – den bislang ältesten Nachweis für einen Bratwurststand gefunden haben. Im Jahr 1269 sei von einer Hütte die Rede, in der Bratwürste gebraten wurden.
Ihr Standort war an der berühmten Krämerbrücke. Ob sich heute an gleichem Ort ein Dönerstand befindet, wird nicht erwähnt.
Es geht um die (Brat-)Wurst
Also: In einem Zeitungsartikel „Es geht um die (Brat-)Wurst“ wird einmal mehr über die Historie der Bratwurst und deren Hoheit gerungen. Freilich, es ist Sommer und da gibt es das berühmte Loch. Anstatt die Qualität der Bratwurst zu kritisieren und zu verbessern, kämpft man im Rückzug noch ein letztes Gefecht.
Denn längst gibt es in Thüringer Bahnhöfen Thüringer Döner anstatt der Thüringer Bratwurst.
Und ein Politiker namens Söder hat seinen eigenen Kebab. Den Söder Kebab. Die Niederungen sind so tief, dass es finster wird und die Wurst auf dem Grill verkohlt. Derweilen sterben die Brauereien, weil sich die jungen Menschen mit gesüßten Powergetränken die Därme ruinieren. Bratwurst essen diese jungen Menschen schon lange nicht mehr.
Weshalb ist Söders Kebab ein Skandal? Dies beschreibe ich in einem Bericht „Die Drei im Weggla vom Hauptbahnhof Nürnberg“.
Wenn ein Landesvater nicht in der Lage ist, auf die Qualität Nürnberger Würstchen in seiner Heimatstadt zu achten, so sollte er zurücktreten. Dann kann er allemal seinen Söder Kebab vermarkten, wo er will.
Aber nicht nur dieser Populist, sondern auch Gerhard Schröder instrumentalisierte die Wurst an sich und die mit Curry im Besonderen. Wie man sieht – Gerhard Schröder isst einen Kraftriegel in Weimar.
Dabei galt der Imbiss und die Bartwurstbude als Symbol einer Gesellschaft, die sich an dem Bratwurststand trifft, zwischen Senfspender und Brötchenhälfte.
Die Bratwurst ist ein sozialer Kitt. Sie steht für Zusammenkunft, für Momente des Alltäglichen, die mehr erzählen als jedes Festbankett. Da sollte sich die Politik heraushalten.
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Vom Blut zur Bratwurst
Homer kannte die Blutwurst, die Römer schworen auf ihre „Lucanica“, eine gewürzte Bratwurst aus Süditalien. Martial erwähnte sie in seinen Gedichten, Cicero lobte sie. Die Römer verbreiteten sie in ganz Europa. Im Mittelalter verfeinerten Metzger das Handwerk, und aus der Notwendigkeit, das ganze Tier zu verwerten, entstand ein kulinarisches Erbe.
Die berühmte „Blutwurst-Stelle“ findet sich im 20. Gesang der Odyssee (Odyssee XX, Verse ca. 24–30).
Im griechischen Urtext heißt es (Auszug):
ὡς δ᾽ ὅτε τις χοιρείου γαστέρος αἷμα καὶ ὄνειαρ
πυρὶ πάρ φλογὶ δινήεντι ἑλισσόμενος τρέπῃ ἄνδρα,
ὣς ἔνθα καὶ ἔνθα ποσὶν τρέπετ᾽ ἄλλοτε ἄλλως.
Übersetzt (nach Johann Heinrich Voß, 1781):
„Wie wenn einer die Blase der Blutwurst über der Glut drehet,
hin und her, und besorgt, sie möchte zu schnell ihm verbrennen:
so wälzte Odysseus sich hierhin und dorthin im Zweifel.“
Auch in modernen Übersetzungen (z. B. Wolfgang Schadewaldt) steht sinngemäß:
„Wie ein Mann einen gefüllten Schweinsmagen über der Glut wendet,
damit er schnell gar wird und nicht verbrennt,
so wälzte sich Odysseus hin und her …“
Die Bratwurst war nie nur Fleisch im Darm. Sie war immer auch Kulturtechnik. Sie bedeutete Haltbarkeit, Erfindungsgeist und – nicht zu vergessen – Lust am Genuss. Dass Thüringen und Franken daraus eine Kunst machten, die bis heute gepflegt wird, ist nicht überraschend.
Bratwurst heute
Heute ist die Bratwurst global. Sie findet sich auf thailändischen Nachtmärkten, in amerikanischen Footballstadien, in norwegischen Supermarktregalen. Der Norweger liebt die vom Rentier mit Preiselbeermarmelade welche zumindest für mich gewöhnungsbedürftig war.
Und trotzdem – in Deutschland bleibt die Bratwurst ein Stück Heimat. Sie hat etwas Archaisches behalten: Feuer, Fleisch, Rauch – ein kulinarisches Ritual, das uns mit Homer, mit den Römern und mit den mittelalterlichen Metzgern verbindet.
Wenn jedoch die Qualität der Wurst durch reine Profitgier schwindet, verschwindet auch diese Tradition, wie ich in meinem Text Mario Kotaska trifft an der Wurst vorbei beschrieben habe.
Die erste Bratwurst war ne Wurst – Das Fazit
Die erste Bratwurst war – schlicht – eine Wurst. Gefüllt, gegrillt, geteilt. Homer kannte sie, die Römer perfektionierten sie, und Thüringen schreibt sich ihre Geburt ins Stammbuch. Von der Blutwurst über die Lucanica bis zur Thüringer Rostbratwurst zieht sich eine Linie durch die Kulturgeschichte. Und am Ende bleibt der Duft, der uns allen das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt – sei es am antiken Herdfeuer oder am modernen Grillstand.
In der Rubrik IMBISS sammelt Thomas Gatzemeier – dessen Motto ist „ohne Spleen ist das Leben umsonst“ – seit 2010 IMBISS Wurstgeschichten von New York bis Bad Laasphe.