Die Weimarer Bratwurstkultur
Wer nach Weimar fährt, fährt auch nach Thüringen und da ist die nach diesem Land benannte Wurst natürlich allgegenwärtig.
Die Weimarer Bratwurstkultur hat eine lange Tradition. Denn schon Johann Wolfgang von Goethe, von seiner Mutter liebevoll „Hätschelhans“ genannt, hatte eine ausgeprägte Vorliebe für Würste – und das nicht zu knapp! Mit großer Begeisterung lobte er die deftigen Spezialitäten seiner Zeit.
Ganz oben auf seiner Favoritenliste stand der Schwartenmagen, doch auch eine herzhafte Schalottenleberwurst zu gekochtem Blaukohl ließ ihn schwärmen. Und dann wären da noch die Nürnberger Bratwürste – die mochte er so sehr, dass er sie sich dutzendweise nach Weimar liefern ließ. Allerdings war der Dichterfürst kein Kostverächter: Auch die Thüringer Bratwurst wusste er zu schätzen.
Goethes Begeisterung für gutes Essen ist legendär. In seinen Briefen erwähnt er nicht nur edle Weine, sondern auch seine kulinarischen Vorlieben. Ob eine zünftige Brotzeit oder eine reich gedeckte Tafel – der große Dichter wusste, wie man das Leben genießt. Und was wäre ein echter Genießer ohne seine Wurst?
So bleibt Goethe nicht nur als großer Denker, sondern auch als Freund deftiger Genüsse in Erinnerung! 😊
„Nur von fern ein Gastmahl wittern,
macht mir alle Glieder zittern,
Würste, Braten und Pasteten,
sind imstande, mich zu töten.“
Ob die Weimarer Bratwurstkultur in ihrer heutigen Form Goethe begeistert hätte? Schwer zu sagen. Schließlich konnte er seine Nürnberger Lieblingswürstchen noch ungestört nach Weimar importieren, ohne sich Gedanken über geografische Herkunftsangaben machen zu müssen.
Das eigentliche Problem, wie so oft, ist der Erfolg. Seit die „Thüringer Rostbratwurst“ im Jahr 2004 mit dem EU-Herkunftsschutz geadelt wurde, hat sie sich wie eine kulinarische Epidemie über Deutschland ausgebreitet. Thüringer Bratwurst, wohin man schaut! Doch der Schutz ist eher symbolisch, denn das einzige harte Kriterium besagt: Mindestens 51 % der Rohstoffe müssen aus Thüringen stammen. Der Rest? Nun ja, der kann aus allen Ecken der Welt kommen.
Und dann wäre da noch die Frage der Herstellung. Eine Thüringer Bratwurst ist keine mathematische Formel – die Rezeptur bleibt flexibel.
Zwar gibt es eine offizielle Typisierung mit einer empfohlenen Körnung von 3 mm und einer bestimmten Gewürzmischung, aber was letztlich in die Pelle kommt, hängt von der Qualität der Zutaten und der Handwerkskunst des Metzgers ab.
Allerdings gibt es auch kreative Abweichungen, die wohl selbst Goethe überrascht hätten. So wird in Karlsruhe ein „Bratwürstchen“ angeboten, das mit den vorgeschriebenen 100–150 Gramm einer echten Thüringer kaum noch etwas zu tun hat. Eine Miniaturausgabe sozusagen – fast schon ein Goethe’scher Aphorismus in Wurstform: kurz, aber nicht unbedingt gehaltvoll.
Was bleibt? Die Thüringer Bratwurst ist ein Erfolgsprodukt, das manchmal unter seinem Ruhm leidet. Doch wie bei jedem Kulturgut gilt: Qualität schlägt Quantität. Und vielleicht hätte Goethe mit einem Glas Wein in der Hand doch anerkennend genickt – solange die Wurst nach echter Handwerkskunst schmeckte.
Wer es nicht glaubt. Also nicht glaubt, dass die Zutaten die Qualität einer Bratwurst ausmacht der gehe zum Fleischer seines Vertrauens oder besuche den Bratwurststand auf dem Bahnhof Hannover.
Auch wenn das älteste Rezept dieser Thüringer Wurst aus dem Jahr 1613 im Staatsarchiv Weimar liegt, bedeutet dies nicht, dass die Weimarer Bratwurstkultur dadurch eine außerordentliche sei.
Nach der ersten Verkostung am Bratwurststand auf dem Weimarer Markt hielt sich meine Begeisterung in sehr engen Grenzen – um nicht zu sagen, sie blieb komplett aus.
Allerdings, und das muss zur Ehrenrettung der Thüringer Bratwurst gesagt werden, lag das nicht an der Wurst selbst, sondern an einem klassischen Fehler bei der Zubereitung. Die Bratwürste wurden vorgebraten und dann auf Vorrat warmgehalten – eine Praxis, die man leider viel zu häufig antrifft. Das Ergebnis? Ein „Ding“, das für stolze 4 Euro über die Theke ging, aber seinen gesamten Fleischsaft eingebüßt hatte und dementsprechend auch seinen Geschmack. Wer mit Lebensmitteln arbeitet, sollte wissen: Die Textur beeinflusst das Mundgefühl maßgeblich, und eine trockene, ausgelaugte Bratwurst ist einfach kein Genuss.
Natürlich ist dieser kleine Feldbericht nicht abschließend. Immerhin gab es auf dem Markt noch zwei weitere Thüringer Bratwurststände – und wer weiß, vielleicht halten sie das, was der Name verspricht? Die endgültige Bratwurst-Absolution kann also erst nach einer weiteren Reise erteilt werden.
Und wenn ich dann schon mal wieder dort bin, nehme ich mir auch den Weimarer Cranach-Altar vor (zwischenzeitlich ist dies geschehen). Schließlich braucht jede kulinarische Pilgerreise auch eine kulturelle Beilage.
Natürlich-die Thüringer Bratwurst gilt für viele als die Königin der Grillkunst – eine jahrhundertealte Tradition, geprägt von Gewürz-Geheimnissen und der Kunst des perfekten Bratens. Doch muss es immer die originale Thüringer sein? Nicht unbedingt, denn auch außerhalb Thüringens gibt es wahre Bratwurst-Schätze zu entdecken.
Ein Beispiel: der Hauptbahnhof in Hannover (beschreibe ich hier auf dem Blog). Hier duftet es nach frisch gegrillter Wurst, die nicht nur Pendler verführt. Knackig, saftig und mit einer feinen Würze überrascht die Bratwurst aus dem Norden positiv. Sie zeigt, dass es nicht allein auf die Herkunft ankommt, sondern auf die Qualität und die Liebe zum Handwerk.Und natürlich auf die Qualität des Fleisches. Und da machte die Bratwurst in Hannover eine gute Figur – am Stand konnte man die Herkunft des Fleisches lesen.
Für echte Bratwurst-Fans bleibt dennoch ein Besuch in Thüringen ein Muss. Aber manchmal reicht schon ein Zwischenstopp am Bahnhof, um ein Stück kulinarisches Glück zu finden – ganz egal, wo. Glück muss man aber auch haben.
Hallo, wir haben festgestellt, das die Wurst an jedem Stand auf dem Markt in Weimar anders schmeckt, und der Stand mit der meisten Werbung nicht die am besten schmeckende Wurst hat. Unser Favorit in Thüringen ist die Bratwurst vom Imbiss Haase in Magdala an der A 4. Ausfahrt Magdala Straße Richtung Ort 1000 m. Großer Parkplatz und Drive Inn. Immer frisch gebratene vorzügliche Rostbratwürste und frische Bratwürste zum mitnehmen. Einziger Nachteil: Die Schlange ist immer so lang, dass man durchschnittlich eine dreiviertel Stunde anstehen muss. Die erste Wurst habe ich hier noch neben der alten Autobahn 1965 gegessen, war damals schon ein Geheimtipp.