Subtext – Brief an einen mir bekannten Leser

Pulposalat mit Paprikastreifen

Eigentlich wünscht Marlies, dass ich beim Schreiben nicht rauche.

Jedoch, wenn ich diese Zeilen an dich abgesendet haben werde, wird der Aschenbecher neben mir bis zum Rand gefüllt sein. Da mir danach ist, trinke ich, um locker zu bleiben, Wodka-Cola und lediglich das Rechtschreibprogramm ermöglicht es, das diese Zeilen an dich lesbar bleiben. Über den Pulposalat, den ich heute Vormittag angerichtet habe, brauche ich nicht zu berichten, den kennst du ja.

Da fällt mir doch beim Schreiben die sagenumwobene Schuppe vom Aug; was wird nur der Subtext in dir anrichten? Der Aschenbecher löst Ekel aus! Wodka-Cola lässt dich kalt und der Pulposalat könnte wohl schmecken, wird dir aber durch den Zigarettenqualm vermiest. Ich kenn dich – mein Lieber!

Nun könnte man, wenn man könnte, die Variationen ausrechnen, die unterschiedliche Empfindungen zulassen.
Wenn diese wenigen Worte Kunstwert behaupten würden, liegt die positive Bewertung in der Hand des Rauchers, denn die Zigaretten übertönen selbst den Pulposalat.

Zum Sekretär ist doch noch zu sagen, dass diese Geschichte auch als „Odyssee“, des Sieghart Paul gelesen werden könnte, womit ich bei Friedrich Schlegel lande: „Die Wirkungen aber der Kunstwerke zu erklären, ist die Sache des Psychologen, und geht den Kritiker gar nichts an.“

Anders war es bevor ich in den Westen kam. Damals blieb mir als Künstler nichts anderes übrig als mit derart starken Subtexten zu arbeiten, das meine Aussage nur die verstanden – die wussten. Ich bin froh dies nicht mehr zu müssen aber zu dürfen. Gleichwohl, bei näherem Nachdenken, ist mein erster Roman voller Subtexte, die gelesen werden können, aber nicht begriffen werden müssen. Wenn das Mittel der Verschleierung in einer Diktatur (oder einer anderen restriktiver Gesellschaftssituation) als Selbstschutz eingesetzt wird, so scheint mir, dass es in einer freien Gesellschaft manchem dazu dient, mystisch zu erscheinen und sich ohne festen Grund selbst zu erhöhen. Diese Kollegen Künstler nenn ich (so für mich) Tiefsinn – Erschleicher.

Ich liebe eher den gescheiterten Schreiber von Michael Kohlhaas als den von seinem Fürsten wohlgenährten Fürst-Literaten.