Museum der vergessenen Geheimnisse

Oksana Sabuschko „Museum der vergessenen Geheimnisse“

Da bin ich aber sehr froh, dass ich die Rezension in der „Zeit“ über die Sabuschko gelesen habe. Sonst wäre an mir wohl dieses grandiose Buch vorübergegangen und das hätte ich noch nicht einmal bedauert, weil so unwissend wie zuvor. Das Genörgel der Rezensentin über den Ausgang der Geschichte habe ich – und wohl auch andere – nicht ernst genommen. Ansonsten liegt sie aber ganz richtig.
Solch eine leichtfüßig-tiefgründig daherkommende und dazu noch äußerst geschichtsträchtige Literatur ist mir selten begegnet. Keine deutsch-verschrubelte, intellektualisierende, besserwisserische oder gestelzt-manierierte Betroffenheitsschreibe, die wohlmöglich nur so geschrieben ist um sich nicht selbst in seinem Sein gespiegelt zu sehen. Aber auch kein Ulk – ein Späßchen über Diktatur und Gewalt – nein, hier haben wir es mit einem grandiosen Werk neuerer Aufklärung zu tun.

Für jemanden der sich für die jüngere europäische Vergangenheit interessiert ein ABSOLUTES! Muss. Aber auch für die Leser, welche bloßes Interesse an den unendlichen Möglichkeiten der Literatur haben, ist dieses Werk ein wahrer Quell neuen Erfahrens und Lesens.

Eventuell zeigt diese Frau eine Möglichkeit auf wie Schreiben neben tradierten und ausgefahrenen Wegen in unserem Jahrhundert auch funktionieren kann.
Eine kleine Anekdote mag zum Abschluss der wenigen Zeilen endgültig zum Lesen überreden oder fürchterlich abschrecken. Ich gebe zu – ich bin ein (lesender) Mann! Kann nichts dafür. Ich telefonierte mit einer literarisch bewanderten Freundin und las ihr ein Stück aus dem „Museum der vergessenen Geheimnisse“ vor. Schrieb dies Mann oder Weib? War meine Frage. Mann! Ihre spontane Antwort. Das mag etwas aussagen oder auch nicht, ich hörte es aber mit Freude und weiß nun besser als zuvor, dass eine Frau im (sog.) Sozialismus der UDSSR aufgewachsen, irgendwie anders ist als ihre „Wohlstands-kapitalistisch“ sozialisierten Artgenossen. Entschuldigung. Vielleicht irre ich mich auch? Aber das glaub ich nicht.

Zum Trost: Der deutsche Wohlstandsmann ist nicht viel besser dran. Der trägt oftmals nur stolz sein intelektuelles Fähnchen durch die Gegend und streicht sich das wallende Haar von der Stirn.

Rezension der Zeit.

Oksana Sabuschko: Museum der vergessenen Geheimnisse
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil; Droschl, Wien 2010; 760 S., 29 €