New York, die Hauptstadt der Wurstbuden!

Am frühen Morgen weckte mich ein Klingeln. Es klingelte ward still und klingelte wieder. Nach einem Wecker klang dies nicht – der Klang einer Glocke eher. Ähnlich einer Schiffsglocke.

Ein Lichterband begrenzte das Land. Schnellboote der Küstenwache, mit festgebundenen Männern am Maschinengewehr, begleiteten unseren Musikdampfer auf den letzten Seekilometern der Atlantiküberquerung.

Das Klingeln kam von den Bojen, die uns die rechte Fahrrinne wiesen. Dann tauchte die Skyline auf. Das Licht des frühen Morgens war unbeschreiblich. Der Häuserhaufen auch. Durch meine Kulturvermittlungsgelderwerbsreisen komme ich von Zeit zu Zeit (auch reisegedanklich) in abgelegene Gebiete der Welt – auf Abu Dhabi oder Dubai – zum Beispiel, wäre ich nie gekommen und auch nicht  dahinzufahren. Obwohl, auch diese Städte hatten Skylines.

Die von New York ist anders und nicht nur äußerer Schein. Das sieht man schon, ohne überhaupt in den Häuserhaufen eingedrungen zu sein. Die Struktur ist organisch und nicht kühl kalkulatorisch am Reißbrett entstanden, obwohl die Stadt wie Mannheim ordentlich in Quadrate eingeteilt ist.
In Frankfurts Hochhäusern werden Wechselkurse manipuliert. Das wird in New York auch gemacht, aber es gibt daneben auch Hochhäuser, in denen „echte“ Menschen wohnen. Wir zu Beispiel wohnen temporär in einem Haus, welches ca. 1930 gebaut wurde. 45 Stockwerke. Ganz oben, sozusagen nahe dem Himmelsdach, steht unser Bett.
Von da aus schauen wir über den Hudson Fluss. Unten fließt der Wasserstrom und hinter, neben und um uns herum der Geldstrom. Wir wohnen im Finanzdistrikt unweit der Börse.

Vor der Börse stehen nicht nur Touristen sondern auch Wurstbuden. Das stelle man sich in Frankfurt vor – vor der Börse!

Die New Yorker Wurstbude ist ein stadtprägendes, fahrbares und zum Grillen ertüchtigtes Mobil, welches hungrige Mäuler aller Nationalitäten mit geschmacksneutralen, in puddingweichen Teiglingen verpackte, Würstchen versorgt die mit feurigen Soßen aufgepeppt werden. Anderes habe ich noch nicht getestet, finde aber diese Fahrwurstbuden sehr sympathisch. Wünschte sie mir auch in Karlsruhe und Abu Dabi mit einem Lammwürstle.

Leipzig hat ähnliches, und Feldküchen noch dazu. Sozusagen als Sahnehäubchen. Die sächsische Landesbank hat hinter unserem Rücken, also im Finanzdistrikt, Zertifikate gekauft, die leider wertlos verfielen. Die sächsische Landesbank zerfiel darauf hin auch. Hätten die Landesbänker regelmäßig an Wurstbuden gestanden und mal nachgedacht, wäre ihnen das sicher nicht passiert.

Ich weis es nicht. Glaube aber, dass das Leben gefährlich ist, wenn man nicht aufpasst. Morgen gucke ich mir mal Banker an. Wie die hier aussehen. Oder wir machen etwas anderes. Würstchen essen und ins Museum gehen.

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