Matthias Grünewald – ein früher Expressionist
Es gibt Maler, die passen in ihre Zeit. Und es gibt solche, die fallen aus ihr heraus. Matthias Grünewald gehört eindeutig zur zweiten Sorte.
Während um 1500 in Italien die Welt schön gemacht wird – Perspektive, Proportion, Harmonie –, geschieht bei Grünewald etwas ganz anderes. Denn seine Malerei will nicht beruhigen. Sie will zeigen, was im Inneren geschieht. Und das tut sie mit einer Radikalität, die noch heute überrascht und uns zum Nachdenken anregen sollte.
Auch unsere Zeitgenössische Kunst „macht wieder einen auf schön“ obwohl die Welt in Unordnung ist.
Wer vor dem Isenheimer Altar im Musée Unterlinden steht, merkt schnell: Hier wird nichts idealisiert. Der gekreuzigte Christus ist kein schöner Körper, sondern ein gezeichneter gottgleicher Mensch. Denn seine Haut spannt sich, die Wunden treten eitern, der Leib wirkt schwer und leidend. Dieses Bild ist keine theologische Illustration mehr, sondern eine Erfahrung – beinahe körperlich spürbar. Es ist diesseitig, menschlich, abgründig.
Genau darin liegt die eigentümliche zeitlose Modernität dieses Werks. Grünewald interessiert sich nicht für die äußere Welt, sondern für das, was sie im Menschen auslöst. Farbe wird zum Mittel der Steigerung, Form zum Ausdruck von Spannung. Nichts ist glatt, nichts ausgeglichen. Nichts will gefallen.
Es ist kein Zufall, dass Künstler des 20. Jahrhunderts gerade hier ansetzen. Sie erkennen in Grünewald keinen Alten Meister im klassischen Sinne, sondern einen, der etwas vorwegnimmt: die Idee, dass Malerei mehr sein kann als Abbild – nämlich ein Zustand. Grünewalds Bildsprache ist eine universelle Bildsprache, denn sie vermag die Abgründe des Daseins darzustellen.
Ob man ihn deshalb einen frühen Expressionisten nennt, ist am Ende vielleicht gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass seine Bilder etwas tun, was selten gelingt: Sie lassen den Betrachter nicht in Ruhe.
Ich sehe diesen Text Matthias Grünewald – ein früher Expressionist – als eine Reflexion an. Er wird sich weiterentwickeln und Bezüge herstellen.
Wenn Sie möchten, so schauen Sie hin und wieder vorbei.
Die Szene zeigt die Verkündigung an Maria aus dem Isenheimer Altar. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass Grünewald weniger an harmonischer Schönheit interessiert ist als an einer dramatischen Steigerung des Ausdrucks. Genau hier beginnt der Gedanke, ihn als eine Art Vorläufer des Expressionismus zu verstehen.
Der Engel tritt nicht ruhig, klassisch und sanft auf, wie man es etwa bei italienischen Renaissancemalern erwarten würde. Sein Körper ist in eine fast tänzerische Bewegung gespannt, und vor allem der rote Mantel wirbelt wie eine Flamme durch den Raum. Farbe ist hier kein dekoratives Detail – sie wirkt wie ein emotionaler Ausbruch im Bild. Denn vor allem das Rot steigert die Intensität der Szene, ähnlich wie es später expressionistische Maler mit grellen Farbkontrasten tun.
Auch die Gestik ist ungewöhnlich aufgeladen. Die Hand des Engels zeigt mit einer fast nervösen Spannung auf Maria, während die kleine Taube des Heiligen Geistes wie ein Lichtpunkt zwischen beiden Figuren schwebt. Schauen Sie die Linienführung an, sie wirkt nicht ruhig und ausgewogen, sondern innerlich gespannt. Grünewalds Formen scheinen sich zu strecken und zu biegen, als stünde das ganze Bild unter emotionalem Druck.
Maria weicht wie erschrocken zurück. Ihr nach hinten geneigter Kopf und die geschlossenen Augen geben der Szene einen spannungsvollen Charakter.
Matthias Grünewald interessiert sich weniger für perspektivische Ordnung oder ideale Proportionen als für die sichtbare Darstellung eines geistigen Ereignisses. Die Malerei wird zum Ausdrucksträger einer inneren Erfahrung. In dieser emotional aufgeladenen Bildsprache liegt der Grund, warum viele Kunsthistoriker Grünewald als einen der frühesten Vorläufer des Expressionismus betrachten.
Vergessen wird dabei, das auch seine inhaltlichen Interpretationen neu und anders sind.
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Diese Szene aus dem Isenheimer Altar zeigt ein geradezu visionäres Engelskonzert. Mehrere Engel erscheinen in einem Raum von überwältigender Farbintensität. Ein Engel im Vordergrund spielt ein großes Saiteninstrument, während hinter ihm weitere Gestalten mit Harfe und Violine musizieren.
Doch der Expressionist Grünewald interessiert sich weniger für eine harmonische Darstellung himmlischer Musik als für eine Steigerung der emotionalen Wirkung.
Denn die Farben wirken glühend und unruhig: Rosa, giftiges Grün, tiefes Blau und leuchtendes Rot stehen in scharfen Kontrasten zueinander. Auch die Figuren erscheinen fast körperlos im dunklen Hintergrund und scheinen aus einem Strudel von Licht und Farbe hervorzutreten.
Besonders auffällig ist die Mischung aus verfremdeter Schönheit und dem exaltierten Gestus der musizierenden Hände. Einige Engel besitzen beinahe groteske Züge, ihre Gesichter wirken maskenhaft oder entrückt. Diese Darstellung erinnert weniger an die ruhige Harmonie der Renaissance als an eine visionäre Bildwelt voller innerer Spannung.
Gerade jene expressive Übersteigerung macht Grünewald zu einer Ausnahmeerscheinung der deutschen Kunst um 1500. Seine Malerei versucht nicht, eine ideale Welt zu zeigen, sondern eine geistige Erfahrung sichtbar zu machen. Auch wegen dieser radikalen Bildsprache sehen viele Kunsthistoriker in ihm einen erstaunlich frühen Vorläufer des Expressionismus, der erst vierhundert Jahre später entstehen sollte.
Eine der dramatischen Szenen aus dem Isenheimer Altar zu Colmar zeigt die Versuchung des heiligen Antonius.
Der Einsiedler liegt am Boden, während ihn eine Horde grotesker Dämonen attackiert. Die Kreaturen besitzen Mischformen aus Tier, Mensch und Fantasiegestalt: gefiederte Körper, Hörner, Schnäbel und verzerrte Gesichter drängen auf den Heiligen ein.
Grünewald steigert hier die Darstellung des Bösen zu einer geradezu visionären Intensität. Er vermag es die Dämonen nicht als einzelne Figuren, sondern als ein chaotischer Schwarm deformierter Körper darzustellen. Ihre grellen Farben – Gelb, Rot, Grün und Schwarz – wirken unruhig und aggressiv.
Der Raum selbst scheint unter der Gewalt dieser Erscheinungen zu zerbrechen: zerstörte Architektur und verdrehte Landschaftsteile verstärken den Eindruck eines apokalyptischen Angriffs.
Vor allem der Körper des heiligen Antonius wirkt verletzlich und menschlich im positiven Sinne. Sein Gesicht drückt Entsetzen aus während die Dämonen an seinem Bart ziehen und ihn bedrängen. Dieser Gegensatz zwischen geistiger Standhaftigkeit und äußerem Chaos verleiht der Szene eine enorme Spannung.
Gerade in dieser radikalen Übersteigerung von Formen und Emotionen zeigt sich die außergewöhnliche Modernität Grünewalds. Die deformierten Figuren, die grellen Farbkontraste und die dramatische Bewegung erinnern überraschend stark an Bildwelten des Expressionismus oder sogar an surrealistische Visionen des 20. Jahrhunderts.
Deshalb gilt Grünewald vielen Kunsthistorikern als einer der erstaunlichsten Vorläufer einer Kunst, die nicht mehr nur die sichtbare Welt abbildet, sondern innere Zustände, Angst und Ekstase sichtbar macht.
Eine Szene des Isenheimer Altars zeigt die Begegnung der beiden Wüsteneinsiedler Antonius und Paulus.
Beide sitzen in einer wilden Landschaft und teilen ein Stück Brot – eine Szene der christlichen Legende, in der ein Rabe den Einsiedlern Nahrung bringt.
Doch auch hier zeigt sich, dass Grünewald weniger an einer idyllischen Naturdarstellung interessiert ist als an einer visionären Verdichtung der Wirklichkeit. Die Landschaft wirkt fremd und beinahe traumartig. Verdrehte Baumstämme, moosbewachsene Äste und steile Felsformationen schaffen eine Umgebung, die eher einem inneren Zustand als einer realen Landschaft gleicht.
Es liegt nicht fern hierbei an die Landschaften des Surrealisten Max Ernst zu denken. Oder eben an die von Otto Dix
Grünewalds Figuren besitzen eine erstaunliche körperliche Präsenz. Besonders der asketische Körper des Paulus wirkt beinahe überdehnt, seine Haut liegt gespannt über den Knochen. Die Gestik seiner Hand, die in einer lebhaften Bewegung auf Antonius zeigt, verstärkt den Eindruck eines intensiven geistigen Gesprächs.
Auch die Tiere – der Rabe und das kleine Reh im Vordergrund – wirken nicht einfach dekorativ. Sie erscheinen wie symbolische Begleiter einer Welt, in der Natur, Vision und religiöse Erfahrung ineinander übergehen.
Gerade diese expressive Gestaltung der Landschaft und der Körper lässt Grünewald weit über die Kunst seiner Zeit hinausragen. Während viele Renaissancekünstler nach Harmonie und idealen Proportionen strebten, entwickelt Grünewald eine Bildsprache voller Spannung und innerer Bewegung.
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Diese Aufnahme zeigt zwei zusammengehörige Tafeln des Isenheimer Altars im heutigen Aufstellungsort, dem ehemaligen Dominikanerkloster des Musée Unterlinden in Colmar. Zu sehen sind die Szenen aus dem Leben des heiligen Antonius: links die Versuchung des Antonius, rechts die Begegnung mit dem Einsiedler Paulus von Theben.
Gerade in dieser Gegenüberstellung wird die dramatische Bildauffassung Grünewalds besonders deutlich.
Auf der linken Tafel bricht eine Welt des Chaos über den Heiligen herein. Dämonische Mischwesen, zerstörte Architektur und ein eruptiver Himmel bilden eine Szene extremer Bedrängnis. Die Figuren sind deformiert, aggressiv und in heftiger Bewegung. Antonius wird körperlich attackiert und zu Boden gedrückt. Das Bild wirkt wie eine Vision innerer Angst.
Die rechte Tafel zeigt dagegen eine scheinbar ruhigere Szene: die Begegnung zweier Einsiedler in einer Landschaft. Doch auch hier ist die Natur keineswegs idyllisch. Verdrehte Bäume, bizarre Felsen und eine eigenartig fremde Vegetation erzeugen eine Atmosphäre, die eher traumhaft als real erscheint. Die Landschaft wirkt wie ein seelischer Raum, in dem sich das geistige Leben der Heiligen abspielt.
Gerade diese Gegenüberstellung macht die Besonderheit Grünewalds sichtbar. Seine Malerei sucht nicht die klassische Harmonie der Renaissance, sondern eine gesteigerte Ausdruckskraft. Körper, Landschaft und Architektur erscheinen als Träger innerer Zustände. Schmerz, Vision, Einsamkeit und spirituelle Ekstase werden unmittelbar sichtbar gemacht.
In dieser radikalen Bildsprache sehen viele Kunsthistoriker einen erstaunlich modernen Zug in Grünewalds Werk. Die deformierten Figuren, die dramatischen Kontraste und die expressive Bewegung der Formen erinnern an künstlerische Strategien, die man erst Jahrhunderte später im Expressionismus wiederfinden wird.
Diese Ansicht zeigt eine der eindrucksvollsten Öffnungen des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald im heutigen Aufstellungsort, dem Musée Unterlinden. Zu sehen ist die Darstellung der Madonna mit dem Kind, begleitet von einem farbintensiven Engelskonzert in der linken Bildhälfte.
Die Szene verbindet zwei Ebenen: rechts die intime Darstellung Marias mit dem Kind in einer offenen Landschaft, links eine fast übernatürliche Vision eines reich ausgestatteten sakralen Raumes, in dem Engel musizieren. Grünewald trennt diese Bereiche nicht streng, sondern lässt sie visuell ineinander übergehen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich das Himmlische unmittelbar in die sichtbare Welt hinein öffnet.
Auffällig ist die extreme Farbdramaturgie. Das leuchtende Rot des Gewandes Marias, das warme Gold der Architektur und die intensiven Grün- und Blautöne der Landschaft steigern die emotionale Wirkung der Szene. Die Farben wirken nicht nur dekorativ, sondern tragen die spirituelle Bedeutung des Bildes.
Gerade hierin zeigt sich die besondere Stellung Grünewalds innerhalb der Kunst um 1500. Während viele Maler der Renaissance auf harmonische Ausgewogenheit setzen, arbeitet Grünewald mit gesteigerter Ausdruckskraft. Licht, Farbe und Bewegung dienen dazu, ein religiöses Erlebnis sichtbar zu machen.
Diese expressive Bildsprache wirkt erstaunlich modern. Die dramatische Farbigkeit, die visionären Erscheinungen der Engel und die starke emotionale Intensität lassen Grünewalds Malerei wie einen frühen Vorgriff auf jene Ausdruckskunst erscheinen, die Jahrhunderte später im Expressionismus wiederkehren sollte.
Nur wenige Jahrzehnte – und doch ein Gemälde aus einer anderen Welt.
Vom Isenheimer Altar des Matthias Grünewald um 1512–1516 zur Madonna im Rosengarten von Martin Schongauer um 1473/74 sind es kaum mehr als vierzig Jahre. Und dennoch scheint es, als lägen Welten dazwischen.
Bei Grünewald ist die Welt aus dem Gleichgewicht geraten. Körper sind gezeichnet, Farben drängen, das Bild wird zum Ort von Schmerz, Vision und innerer Erschütterung. Nichts beruhigt sich hier, alles ist in Bewegung, in Spannung.
Geht man dann hinüber in die Dominikanerkirche Colmar, wo Schongauers Madonna im Rosengarten zu sehen ist, schließt sich der Raum. Maria sitzt im Garten, umgeben von Ordnung, Symbol und Maß. Die Welt ist gefasst, gehalten, beinahe zeitlos. Schönheit erscheint hier als Ruhe, nicht als Erfahrung.


















