Joseph #MeToo belästigt von Potiphars Weib

Jacopo Tintoretto | Joseph und Potiphars Weib | Öl auf Leinwand | 54 x 117 cm | Museo Nacional del Prado,

Um der allgemeinen Hysterie um #MeToo ein wenig das Schreckliche zu nehmen, aber auch um Verführung und Begehren des Menschen einzuordnen, nehme man das Alte Testament zur Hand.

Joseph #MeToo belästigt von Potiphars Weib so steht es schon im alten Testament geschrieben. Denn auch dieses durchaus menschliche Thema ist nicht neu.

Potiphar dem Stande nach gehoben wie ein Wirtschaftsboss, hoher Beamter oder Politiker unserer Zeit erwarb den Sklaven Joseph von den Ismaelitern. Der Preis für diesen Jüngling ist nicht bekannt. Joseph war geschickt und erwarb seines Herren Gunst und versorgte das Haus in seiner Abwesenheit.

Wie es auch heute noch bei hochgestellten Persönlichkeiten die Regel ist, sind diese viel auf Reisen. Folglich haben sie keine Zeit für ihre Frau und wechseln diese nach einiger Zeit gegen eine Jüngere aus.

Lovis Corinth Joseph and Potiphar’s Weib – II

Joseph, der schön von Gestalt und vermutlich auch jünger als sein Herr war, erregte die Begierde seiner Herrin. Gleichwohl stand in seiner Stellenbeschreibung nicht, dass er sie zu befriedigen hätte. Wer tut schon gern mehr als ihm aufgetragen.

Als Herr Potiphar wieder auf einer langen Reise war – mit wem ist nicht bekannt – übermannte Potiphars Weib der Trieb. Sie sprach zum Sklaven in harschem Ton: Leg dich zu mir! Zerrte so arg an seinen Kleidern, das er bei der Flucht sein Obergewand zurückließ. So weit, so gut und ganz normal. Testosteron ist ein Sexualhormon und im Bauplan Gottes einfach so vorgesehen. Dieses Hormon hat allerlei Wirkungen. Darunter auch Psychische. Dazu gehört der Begattungsdrang. Diesem kann man nur mit Selbstdisziplin erfordernden Tätigkeiten, wie extrem betriebenen Sport oder exzessiv betriebenen Hobbys entgegenwirken. Ich sollte weniger malen!

Beham Sebald | Joseph und Potiphars Weib (Der keusche Joseph) | Kupferstich

Wie üblich bei Frauen, welche keinem Vollzeitjob nachgehen, tritt irgendwann ein nicht zu bekämpfender Sexualtrieb ein.

Ganz natürlich und auch Gott gewollt. Nur war Potiphars Weib tief gekränkt, als Joseph ihre Gelüste nicht befriedigte. Und dann kommt das, was man nicht tut. Frau auch nicht und Mann sowieso. Sie schrie und behauptete: „Er kam zu mir herein, um bei mir zu liegen; ich aber habe aus Leibeskräften geschrien! Als er nun hörte, daß ich meine Stimme erhob und schrie, ließ er sein Obergewand neben mir liegen und floh hinaus!“ (Die Bibel | Altes Testament | 1.Mose 39.

Die Folge dieser infamen Anschuldigung. Joseph im Gefängnis.

Giovanni Francesco Barbieri geannt Guercino Joseph und Potiphar's Weib

Giovanni Francesco Barbieri, genannt Guercino | 1591-1666 | Joseph und Potiphar’s Weib |

Ich weiß, spätestens hier sagen Sie – alles ausgedachte Geschichten. Niedere Männerfantasie.

Aber da komme ich aus der Deckung und schreie laut #MeToo. Ein kleiner Unterschied jedoch zu meinen weiblichen Leidensgenossinnen. Ich werde keine Namen nennen. Außerdem fallen die Vorkommnisse in meine jüngeren Lebensjahre. Ich weiß ja gar nicht, ob meine Täterinnen schon verstorben sind. Derzeit bin ich jedoch relativ sicher und gehe auch ohne Angst vor die Tür.

Rembrandt Joseph und Potiphar's Weib Radierung

Rembrandt | Joseph und Potiphar’s Weib | Radierung

Als ich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zum Diplom eine schriftliche Arbeit abgeben sollte, hatte ich ein Problem.

Ich konnte zwar nach intensiven Jahren des Studiums leidlich malen, aber die Legasthenie war immer noch da. Außerdem hatte ich, wie meine Kommilitonen keine Schreibmaschine. An einen Computer mit Rechtschreibprogramm war nicht zu denken. Also benötigte ich Hilfe. Eine Dame, einige Jahre älter als ich eventuell so Mitte dreißig, bot sich an mir zu helfen. Sie saß in einem Zimmer ganz nah an dem absolutistischen Herrscher der Künste der DDR und hatte lange rote Haare. Ich solle zu ihr kommen um über Korrekturen zu sprechen meinte sie. Ich tat es. Die Korrekturstunden häuften sich bis zum endgültig letzten Abgabetermin der schriftlichen Diplomarbeit mit dem Titel „Essays über den Tod“.

Ich meine, was tat man damals nicht alles um einen Abschluss an dieser Schule zu bekommen.

Später als die SBZ implodiert war und sich die Stasiaktenberge wie Jauche über das Land ergossen sah ich es. Sie hatte nicht nur meine Diplomarbeit, gegen eine Naturalabgabe, in die Maschine getippt sondern auch sonst mitgeschrieben. Die lüsterne Rothaarige war OibE. Eube umgangssprachlich. Offizier im besonderen Einsatz für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Natürlich wollte ich sie nach dem Mauerfall fragen, was so ein Fick mit mir eingebracht hat oder ob dies ohnehin zu ihren dienstlichen Obliegenheiten gehörte. Als ich das erste mal bei Ihr klingelte stand mir ein Hüne gegenüber. O.k. dachte ich. Das lohnt sich nicht. Später war sie für mich unerreichbar.

Pieter Tanjé | Joseph und die Frau des Potiphar | circa 1750 | Kupferstich

Einige aufregende Jahre waren nach diesem Vorfall vergangen und ich schon im Unterholz des westlichen Kunstmarkts zugange.

Da erlebte ich noch eine für das Thema #MeToo beispielhafte und erzählenswerte Geschichte. Einige meiner Werke wurden für eine Gruppenausstellung zeitgenössischer, jüngerer Kunst ausgewählt. Die Ausstellung fand in einem sehr renommierten Hause statt. Mein Katalogbeitrag betreute eine junge Kunstwissenschaftlerin. Sie war so alt wie ich. Wir arbeiteten gut zusammen und blieben auch später auf geschäftlicher Ebene in Kontakt. Also ich schickte Ihr Einladungen und wir trafen und regelmäßig auf der Art-Cologne, da Sie mittlerweile an einem großen Museum im Ruhrgebiet tätig war und diese Messe pflichtgemäß besuchte.

Lovis Corinth | Joseph und Potiphars Weib | 2. Fassung 1914 | Öl auf Leinwand | 77 x 62 cm | Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld

Sie betreute damals eine Ausstellungsreihe, in die ich ihr gut gepasst hätte.

Wie Sie meinte. Eines Tages lud sie mich ein um mir die in Frage kommenden Ausstellungsräume zu zeigen. Auf Rechnung des Museums lud sie mich am Abend zum Essen ein. Es war schon spät und ich wäre auch nach Hause gefahren. Aber als sie mir anbot, bei ihr zu übernachten willigte ich ein und trank Wein. Wie soll ich das schreiben. Sie war einfach nicht mein Typ und ich bin kein läufiger Hund. Auf die – für sie enttäuschende Nacht – folgende Kontakte waren distanziert und später hörte ich nichts mehr von ihr. Die Ausstellung war geplatzt.

Anonym | Josef und Potiphars Weib

Der dritte Übergriff, mehr möchte ich nicht schildern, betraf den monetären Bereich.

Die Gattin eines ausgesprochen vermögenden Mannes beabsichtigte eine Sammlung aufzubauen. So etwas ist schön, wenn man beraten darf und außerdem noch Bestandteil solch eines Konvoluts wird. Es ging eine Zeit lang ganz gut, obwohl schon immer ein wenig zu viel Nähe da war. Sie zeigte mir eines Tages eine große, verlassene Immobilie, die eventuell zu einem kleinen Museum umgebaut werden sollte. Die Begehung fing im Dachgeschoss an und fand im Keller ihr jähes Ende. Sie hatte wirklich Straps an und so. Auch in dem Fall war ich leider nicht willig. Ich weiß bis heute noch nicht, was in mich gefahren ist. Oder eben gerade nicht.

Meister der Josephsfolge | südniederländischen Schule zwischen 1490 und 1500 | Joseph und Potiphars Weib |

Durch die Verweigerung von Geschlechtsverkehr entstand mir durch nicht realisierte Umsätze, hochgerechnet, ein finazieller Schaden in sechsstelliger Höhe. Damals noch D-Mark.

Für ein Mal oder meinetwegen auch zehn Mal. Wer verdient schon so viel für eine zeitlich begrenzte Dienstleistung.

Sie fragen sich jetzt? (Ich mich auch) Warum hat der das nicht gemacht? In dem flotten Spruch „Samen gehört nicht in den geschäftlichen Rahmen“ mag einerseits Wahrheit stecken. Andererseits kann er aber auch der Karriere schaden. Also Jungs der Welt, jetzt plaudert doch endlich auch mal Eure Geschichten aus. Denn die Bewegung #MeToo ist ja nicht auf ein Geschlecht gemünzt. Oder doch? Wenn dies der Fall ist, benötigen wir unbedingt einen Gleichstellungsbeauftragten.

Kunst die man gerne sieht und manchmal kauft

Horst Kistner Redhead
Miss Linley und ihr Bruder (Gainsborough) 2017 Acryl auf Heliogravüre 50,8cm x 37,8cm
Frau Smith (Romney) 2017 Acryl auf Heliogravüre 50,8cm x 37,8cm

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