Fragmentierung und Dekonstruktion in der Kunst

Non-finito, das Unvollendete war die erste Form der Abstraktion

Fragmentierung und Dekonstruktion als Gestaltungsprinzip

Vom Künstler geschaffene Torsi sind eine Art der Abstraktion. Wir finden sie in der Renaissance bei Michelangelo, aber auch Rodin und Giacometti haben viele ihrer Arbeiten fragmentiert und somit als Torso ausgeführt. Es ist nicht bewiesen ob die unvollendeten Arbeiten – genannt Non Finito Skulpturen – des Michelangelo mit Absicht so belassen wurden oder lediglich durch Ableben des Schöpfers nicht vollendet werden konnten. Man weiß aber, dass Michelangelo die Torsi der Antike bewunderte.

In Texten über den Torso vom Belvedere wird behauptet, Michelangelo lehnte die Fertigstellung mit der Begründung „der Torso sein vollkommen“ ab.

Spätestens seit Rodin wissen wir das er und andere Künstler. die den Torsi innewohnende Kraft erkannt haben und absichtsvoll in ihr Werk übertrugen und somit zum Stilmittel machten

Die Fragmentierung hebt die Geschlossenheit im Ganzen auf und öffnet damit den Horizont des Betrachters auf eine andere Wahrnehmungsstufe. Wir sehen nur einen Teil, wissen aber um das Ganze. Dies ist eine außerordentliche Leistung der menschlichen Wahrnehmung.

Michelangelo Atlas

Wir wissen um die Beziehung zwischen Rodin und Rilke und das dieser zeitweise sein Sekretär war.

Im Alter von 25 Jahren schrieb er ein Buch über den 61-Jährigen, weltberühmten Bildhauer. Natürlich war der enge Kontakt zu Rodin für den jungen Schriftsteller eine Schule des Sehens. Auch wenn Rilke von Rodin enttäuscht war, als er merkte, dass dieser ein „ganz normaler Mensch“ war und sich nach getaner Arbeit mit seinen Mätressen vergnügte, so hat er viel Erhellendes zu Kunst hinterlassen. Wie diese Dichtung zu einem Torso

Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Die organische Kunstform ist nicht an ihre Zeit gebunden.

Das Geschichtliche perlt an ihr ab und sie steht für sich. Durch die Loslösung von der an der Natur orientierten Formulierung eines menschlichen Körpers verlässt der Künstler das pure Abbild. Der neu gefundene Schönheitsbegriff gilt nicht mehr der ästhetischen Vollkommenheit, sondern der – zumindest zum Teil – eigenen Erfindung. Damit emanzipiert sich die Kunst vom bildnerischen Prinzip des Abbildes.

Menschliche Fragmente als Memento mori Motiv

Theodore Gericaults Studien menschlicher Körperteile sind einerseits erschreckend und andererseits faszinierend. Für uns als Memento mori die Sterblichkeit bewusst machend, waren diese faszinierenden Gemälde für den Künstler Studien des menschlichen Körpers. Dies ganz im Geiste der Renaissance, in der die Künstler nicht nur als Forscher, sondern auch als Maler oder Bildhauer Leichen als Studienobjekte benutzten.

Wenn einzelne Körperteile dargestellt werden, stellt dies unseren „Wahrnehmungsapparat“ auf eine Bewährungsprobe. Also schärfen sich unsere Sinne.

Mein Umgang mit der Fragmentierung als Stilmittel.

Ausgangspunkt der Bildfindung oder des Entwurfs für Plastiken ist die Zeichnung. Das Medium des Papiers erlaubt auf einfachste Art Korrekturen. Fehlentwicklungen sind unkompliziert zu entsorgen.

Fragmente kommen in meinen Bildern Anfang der 2000er-Jahre vermehrt vor.

Einerseits hängt dies mit der Beschäftigung von Höllenstürzen und Himmelfahrten zusammen. Andererseits ist diese Phase auch ein Weg (und ein Weg) von der stark abstrahierten Malerei zur realistischen Ausdrucksweise.
Diese beherrschte mein Werk bis Ende der 1980-er Jahre. Geprägt durch den am menschlichen Körper orientierten Akademismus der Leipziger Schule, changiert mein Schaffen zwischen den Polen des Realismus und der auf den Gegenstand basierenden Abstraktion.

Ich benutze Fragmentierungen sowohl in der Skulptur | Plastik als auch in der Malerei und Zeichnung. Aber immer und in jeder Stufe der Abstraktion steckt der Keim des realen Vorbilds. Des menschlichen Körpers.

Ein weiterführender Aspekt

Zwischen Figuration und Abstraktion – mit Bildbeispielen und vom Künstler beschrieben.

Das NEBENEINANDER der verschiedenen künstlerischen Techniken ergänzt sich und erweitert die Möglichkeiten des Übergangs von der zweiten in die dritte Dimension.

Den Zyklus der Radierungen von Thomas Gatzemeier aus dem Jahr 1995 können Sie hier auch im Detail betrachten. DIE RADIERUNGEN 1995

PS: Um Zusammenhänge verdeutlichen zu können, bediene ich mich Beispielen aus der Kunstgeschichte. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich mir anmaße, mich mit diesen auf eine Stufe zu stellen. Ich begreife mich als unabhängig aber doch einen Teil der Kunstgeschichte. Also kommt man nicht umhin rechts und links zu schauen – manchmal auch nach oben.

Viele Beispiele dieser Arbeitsweise finden sie zwischen den Jahren 1997 und 2004 bei THOMAS GATZEMEIER