Der Literaturagent - Schnellbahn nach Leipzig

Der Literaturagent – Schnellbahn nach Leipzig

Manchmal hält ein Zug scheinbar grundlos. Zuweilen auch auf einem Bahnhof mitten auf dem flachen Land. Diese Entscheidung trifft der Zugführer, um nicht zu früh am Zielbahnhof anzukommen.

Weil ich ein geselliger Mensch bin, befinde ich mich unter der verfolgten Minderheit der Raucher und lasse mich auch nicht in meinem Tun beirren, weil weit mehr Menschen an Feinstaub sterben als am Rauchen. Fahre ich mit dem Zug, bin ich ohnehin der Gute. Die Bundesbahn behauptet sie benutze Ökostrom, um ihren Triebwagen die nötige Kraft zu verleihen hin und wieder pünktlich anzukommen.

Nicht nur an Lungenkrebs sterben Menschen. Im Krieg auch. Kriege werden aber weder verboten noch besteuert. Sie kosten dem gemeinen Steuerzahler viel Geld und manchmal das Leben.

Als ich bei der Armee war und mein sozialistisches Vaterland vergeblich schützte, durften wir so viel rauchen, wie wir wollten. Im Manöver, als wir übten, wie man Menschen geräuschlos tötet, bekamen wir Zigaretten von den sowjetischen Genossen geschenkt.
Meines Wissens wurde die Zigarette im 1. Weltkrieg richtig „In“ weil in den Schützengräben oft keine Zeit war, um sich gemütlich eine Pfeife zu stopfen, bevor man jemanden erschoss oder selbst erschossen wurde.
Zigarettenkonsum unter Soldaten wurde natürlich staatlich subventioniert.

Das dazu.

Also steige ich aus dem Zug, gehe auf den Bahnsteig, zünde mir eine Zigarette an, obwohl ich mich nicht in einer „Raucherzone“ befinde – ziviler Ungehorsam – und komme sofort in Kontakt mit einem Menschen. Dieser Mensch ist ein Literaturagent, wie sich herausstellt. Was soll einen auch anderes passieren, wenn man zu einer Buchmesse fährt. Ein Agent ist immer neugierig. Er fragt mich, ob ich Schriftsteller sei.

Ich schaue an mir herunter, schaue rechts und links. Ich bin angezogen wie ein gewöhnlicher Reisender. Also kein roter oder gelber Schal um den Hals, keine intellektuell erscheinende Mimik. Weder buschige Augenbrauen noch wallendes langes Haar.

Aufgrund seiner Frage nach meinem Beruf denke ich – ist Schriftsteller eigentlich ein Beruf? Haben die auch eine Genossenschaft oder so was?
Ich sage also – Teilzeit. Teilzeitschriftsteller.

Sind sie Germanist, Redakteur, Lektor? Fragt er.

Nichts von dem und auch total unbekannt – sage ich.

Der Agent fragt trotzdem weiter.

Was schreiben sie. Krimi?

Nein sage ich. Krimi nicht.

Und in welcher Sparte sind sie literarisch unterwegs?

Einfach Roman – so wie früher.

Schlecht sagt er. Das läuft sehr schlecht.

Weis ich – sage ich. Krimi, Katzenbücher und Schweinskram das läuft. Schweinskram aber nur von Frauen geschrieben sonst gibt es von den Feministinnen was auf die Backen!

Warum ich das mache, fragt er.
LUST und MUSS, sage ich. Ich weis was sie meinen, sage ich. Ich finanziere das mit Kunst.

Er sieht den Chef vom Heyne-Verlag – oder war es doch nur ein Lektor?- und geht zu dem, ohne sich von mir zu verabschieden. Das Grinsen eines Verkäufers im Gesicht. Man kennt sich.