Der krumme Hund von Waldheim

Was man in Mittelsachsen entdecken kann.
Das Heiligenborner Viadukt Waldheim liegt am Stadtrand, ist aber gut zu Fuß zu erreichen.
Heiligenborner Viadukt Waldheim

Der wichtigste Ansatz, um eine wirkliche Entdeckung zu machen, ist die Unwissenheit.

Der krumme Hund von Waldheim war uns unbekannt.
 
Nicht, dass uns die kleinen mittelsächsischen Städte und Landschaften fremd wären. Immerhin sind wir nebenan in Döbeln aufgewachsen.
 
Als Ausgangspunkt unseres Forschungsspaziergangs haben wir das Heiligenborner Viadukt gewählt. Denn dieses und die anderen sechs Viadukte der Strecke Chemnitz-Riesa waren unser Ziel. Und schon sind wir in der Vergangenheit, als Chemnitz vorübergehend Karl-Marx-Stadt genannt wurde. Für die Jüngeren unter meinen Lesern. Die Stadt Chemnitz wurde von den real existierenden und untergegangen Sozialisten einstmals umbenannt.

Eine wichtige Errungenschaft des real existierenden Sozialismus ist die Garagenanlage.

Um Bürger in der Mangelgesellschaft bei Laune zu halten, teilte man ihnen nach 10 oder 12 Jahren Wartezeit ein Automobil zu. Da die meisten Insassen der DDR Atheisten waren, beteten Sie ihre Autos umso inbrünstiger an. Denn sie bedeuteten ein kleines Stück Freiheit. Die Fetische der Beweglichkeit mussten geschützt und sicher untergebracht werden. An den eigenartigsten Orten entstanden Garagenanlagen. Diese wurden aus zugeteilten Baumaterial in der Regel in Eigenleistung erstellt und waren ein Soziotop sozialistischen Gemeinschaftslebens. Tauschbörse von Ersatzteilen Inclusive Wodka und Bier. Die DDR-Garage war „viel mehr als ein Stellplatz für den Trabi“.
 

Auch zwischen dem krummen Hund von Waldheim und dem Heiligenborner Viadukt ist eine dieser Garagenanlagen zu finden.

Diese Zweckbauten sind zwar zeitgeschichtliche „Baudokumente“, stören aber nicht nur in diesem Fall den Blick auf das wesentlich ältere Bauwerk.
Die Konstruktion des krummen Hundes ist außergewöhnlich. Ein seltenes Exemplar eines Eisen Viaduktes.
Die Konstruktion des krummen Hundes | Eisen Viadukt

Der krumme Hund von Waldheim ist im Gegensatz zu den steinernen Viadukten gefährdet.

Dieses, auch für einen „Nichtingenieur“ faszinierende Stahlkonstruktion, gehört zu den Bauwerken, die vom Konstruktionsprinzip des Eiffelturms inspiriert waren. Mit der Natur verwachsen überbrückt es ein Tal. Es fügt sich in die bergige Landschaft ein und seine filigranen Strukturen werden eins mit dem Wald.

Es sieht aber nicht gut aus für dieses Baudenkmal.

Wind und Wetter setzen der Konstruktion zu. Wenn nicht bald eingegriffen wird, ist auch dieses Stück Baukultur unwiederbringlich verloren. 1896 wurde die kurze Nebenstrecke von Waldheim nach Kriebethal eröffnet. 1998 wurde auch diese Strecke endgültig ein Opfer der Verlegung des Güterverkehrs auf die Straße.

Die gesamte Bahn-Infrastruktur wurde zurückgebaut, obwohl die Papierfabrik in Kriebethal nach wie vor produziert. Rentabilität hatte wie immer die erste Priorität.

Der krumme Hund von Waldheim auf der Stadtgrenze ist eine Sehenswürdigkeit. Von da aus geht ein steiler Weg hinauf zu Schillerhöhe.
Der krumme Hund von Waldheim auf der Stadtgrenze

Der Ansatz, die Bahnstrecke touristisch zu nutzen, wäre eine Möglichkeit, die Strecke zu erhalten. Finanzieren wird sie diese jedoch nicht. Eine derartige Nutzung diente einerseits dem Erhalt eines historischen Stücks Technikgeschichte und könne ein Baustein zu einer dringend notwendigen touristischen Aufwertung der Region sein.

Die Tafel am Gerüstpfeilerviadukt enthält Daten bis zum Jahr 2003.
Tafel Gerüstpfeilerviadukt
Der krumme Hund führt durch den Wald. Ist aber leider nicht mehr in Betrieb. Er könnte eine Touristenattraktion sein.
Der krumme Hund führt durch den Wald

Unmittelbar am krummen Hund findet man – ein wenig versteckt – den Aufstieg zur Schillerhöhe.

Die Treppen auf dem Wanderweg zur Schillerhöhe führen durch den Wald und können eine Herausforderung sein. Bänke sind zum verweilen aufgestellt.
Treppen auf dem Wanderweg zur Schillerhöhe

Geografisch liegt Waldheim in dem tief eingeschnittenen Talkessel der Zschopau.

Kleine Bäche strukturieren die Landschaft und bilden Nebentäler. Aber die Auf- und Abstiege sind durchaus zu bewältigen. Ja sie sind besonders reizvoll und geben die Möglichkeit die Landschaft von mehreren Aussichtspunkten zu genießen.

Auch wenn es in Waldheim, das sich gerne Perle des Zschopautales nennen lässt, sehr ruhig geworden ist, so ist die Stadt doch sehr schön.

Glücklich wer sein Ziel erreicht, denn es gibt schöne Aussichtspunkte rund um Waldheim wo man verweilen kann.
Glücklich wer sein Ziel erreicht

Nach 232 Stufen hat man die Schillerhöhe erreicht.

Schiller war nie hier. Jedenfalls ist nichts darüber bekannt. Da es jedoch in Deutschland mindestens einhundert oder mehr Schillerhöhen gibt, ist dies auch nicht von Relevanz. Der Nachbarort Döbeln hat eine. Geringswalde, Bad Schandau und Gera auch.

Man mochte Schiller und nannte die schönsten Aussichtspunkte nach ihm.

Jede Gemeinde, die etwas auf sich hält hat eine – eine Schillerhöhe.

Der Verschönerungsverein Waldheim wurde 1869 gegründet und stellte 1954 seine Tätigkeit ein. 2006 erweckten ihn engagierte Bürger zu neuen Leben. Auf der Schillerhöhe ist ein früher Gedenkstein zu finden.
Verschönerungsverein Waldheim

Die Mitglieder des 1869 gegründeten Waldheimer Verschönerungsverein kümmern sich ehrenamtlich um die Wanderwege. Solche initiativen erreichen viel und haben Einfluss auf die Politik der Stadt. Alle Anlagen sind gepflegt und in sehr guten Zustand. Viele Ruhepunkte mit Bänken landen zu verweilen ein.

Klagemauern sind auch in Waldheim zu finden. Immer wieder müssen Gebäude beseitigt werden, welche einsturzgefährdet sich. Die Politik schein hilflos und nimmt die Zerstörung hin.
Abriss-Klagemauern in Waldheim

Klaffende Stadtwunden findet man in vielen kleinen und mittleren Städten Ostdeutschlands.

Eigentümer lassen ihre Häuser zerfallen oder sind nicht auffindbar. Die Politik verteilt Strafzettel an Falschparker und ist ohnmächtig, diese Entwicklung zu stoppen. Neue Baugebiete werden in der Peripherie erschlossen und wertvoller Boden versiegelt. Die Innenstädte gehen zugrunde und verlieren ihren Charakter.

Ich bin wütend und ratlos.

Die Mehrheit der Bürger nehmen diese Entwicklung gleichgültig hin, haben jedoch unablässig den Begriff Heimat auf den Lippen, ohne zu begreifen, was dieser eigentlich bedeutet. Er verweist auf den Mensch und seine Umgebung.

Das Wirtshaus Scharfe Ecke in Waldheim wird schon seit der 60er Jahren nicht mehr als Gasthaus betrieben.
Ehemaliges Wirtshaus Scharfe Ecke in Waldheim

Die Scharfe Ecke in Waldheim gehört zum Stadtbild.

Obwohl die Ära dieser Institution schon 1961 ein Ende hatte, lebt die Scharfe Ecke allein durch ihre Aufschrift weiter. Wenig ist über die Ereignisse in dieser Eckkneipe zu finden. Allein beim Anblick dieser Location von Außen entwickeln sich automatisch Geschichten.

Der Marktplatz mit Jugenstilrathaus in Waldheim ist in der Regel sehr ruhig. Eine Eisdiele lädt zum verweilen ein. Wenige Geschäfte haben noch geöffnet.
Marktplatz mit Jugenstilrathaus in Waldheim

Das Jugendstilrathaus von Waldheim ist der dominante Bezugspunkt in der Stadt.

Der Marktplatz an sich war sehr ruhig. Einige Geschäfte noch im Betrieb. Zu viele geschlossen. Die Eisdiele gut besucht. Da es früher Nachmittag war konnten wir leider im Ratskeller nicht speisen Die Terrasse direkt über der Zschopau macht neugierig und lud ein. Auch die Speisekarte des Ratskellers in Waldheim sieht attraktiv aus. Also auf ein kommendes MAHL.

Die Bronze Plastik von Georg Kolbe in Waldheim erinnert daran, dass dies seine Geburtsstadt ist.
Bronze Plastik von Georg Kolbe in Waldheim

Jede Stadt hat ihre mehr oder weniger großen Töchter und Söhne.

Döbeln Erich Heckel und Waldheim Georg Kolbe. Auch wenn der Bildhauer in Waldheim lediglich seine Kindheit verbrachte und als junger Mann nach Dresden an die Kunstgewerbeschule ging, so hat er doch – wenn auch erst nach seinem Tod –  in seiner Geburtsstadt eine Verankerung gefunden.

Dank der Stiftung der Enkelinnen und des Bruders des Künstlers besitzt das Stadt- & Museumshaus Waldheim eine ansehnliche Sammlung des erfolgreichen und prägenden Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947).

Die Stillgelegten Wasserteschnischen Anlage in Waldheim haben einen besonderen Reiz.
Stillgelegtem Wasserteschnische Anlage in Waldheim
Die Fischtreppe am Niederwerder in Waldheim ist eine der zahlreichen Fischtreppen, die in den letzten Jahren an der Zschopau gebaut wurden.
Fischtreppe am Niederwerder in Waldheim

Am gesamten Flusslauf der Zschopau sind wassertechnische Anlagen zu finden. Stillgelegte Anlagen werden der Natur überlassen und bilden Reservate für zahllose Kleintiere. Fischtreppen ermöglichen, dass der Artenreichtum in der Zschopau beständig zunimmt.

Der Kreuzfelsen in Waldheim mit der Zschopau im Vordergrund ist ein signifikanter Orientierungspunkt in der Landschaft unterhalb von Kriebstein.
Kreuzfelsen Waldheim mit Zschopau

Nach dem Kurzbesuch in der Innenstadt machten wir uns auf den Weg zum Diedenheimer Viadukt. Ein moderner Rad- und Wanderweg führt direkt am Fluss entlang.

Auch das Diedenhainer Viadukt in Waldheim ist von der Stadt aus zu Für zu erreichen. In der Nähe dieses Viadukts finden Sie eine Gaststätte mit deftigen, regionalen Gerichten.
Diedenhainer Viadukt Waldheim

Das Diedenhainer Viadukt ist mit 51 Metern sehr hoch aber mit seinen 210 Metern nicht das längste der sechs Viadukte die zur sogenannten Bankrottmeile gehören. Darüber später mehr.

Der Plan der Wanderwege in Waldheim ist am Viadukt aufgestellt. In einem lustigen, handgefertigten Kasten sind Flyer zu finden.
Der Plan der Wanderwege in Waldheim

Direkt am Viadukt ist nicht nur ein Gasthaus mit regionaler, deftiger Küche zu finden, sondern auch eine übersichtlich gestaltete Wanderkarte.

Einem sympathisch aussehenden, selbst gebastelten Kasten waren informative Faltblätter mit der Wanderkarte zu entnehmen. Wir hatten einen eigenwilligen Rundgang geplant, um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren. Für solch ein verwegenes Vorhaben fehlt jedoch eine Ausschilderungen.

Also schlugen wir uns in die Büsche. Kletterten auf schmalen Wegen.

Liefen an murmelten Bachläufen entlang und kamen genau beim Heiligenborner Viadukt heraus. Der krumme Hund von Waldheim in Sichtweite.

Weitere Wanderungen und Entdeckungen an Zschopau und Mulde in Mittelsachsen:

  1. Wanderung vom Töpelwinkel nach Limmritz
  2. Wanderweg von Kloster Buch nach Leisnig
  3. Die Maylust im Muldental

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