Arm und keine richtige Currywurst – in Berlin

Ernsthafte Forschung bedarf der Selbstaufgabe. Man muss sich der Gefahr aussetzen und die Niederungen des Kulinarischen einfach hinunterwürgen.

So überragend sind die Besonderheiten Berlins nicht, dass man auf die Currywurst gänzlich verzichten könnte. Zum Beispiel gibt es in Berlin keinen Kölner Dom und daher auch keine Mettwurst, die ich letztens vor fünfzehn Jahren im Kölner Hauptbahnhof entdeckt und sofort zum Weltkulturerbe erhoben habe. Schwaben die – wie behauptet – die Hauptstadt besetzt haben konnten sich scheinbar auch nicht durchsetzen. Es findet sich kein Restaurant welches Seidewürstle mit Linsen und Spätzle auf der Karte hat und die Kehrwoche wird auch nicht eingehalten. Daran kann es also nicht liegen.

Berlin hat schlimmes überstanden. Im Osten erst einen Sächsischen Staatsratsvorsitzenden und dann einen aus dem Saarland. Oskar hat zwar versucht im preußischen Fuß zu fassen, dies ist ihm jedoch nicht gelungen. Welches Verhältnis Sarah Wagenknecht zu Wurst und Würstchen hat ist unbekannt.

Ob es an der derzeitigen Kanzlerin liegt ist jedoch auch nicht ausgemacht. Das sie aus Mecklenburg kommt – bewiesenermaßen nicht für seine Würste bekannt – dürfte nicht förderlich für die Wurstkultur in Deutschland sein.

Eigentlich geht es ja auch nicht um die Wurst, denn die ist eher egal. Es geht um die Sauce, welche die Wurst genießbar machen soll. Die in der Currysoße ertränkten Wurststücke haben innen Leichenblass zu sein und möglichst nicht durch einen wie auch immer gearteten Eigengeschmack aufzufallen. Aber die Soße sollte scharf und würzig sein. Das Gericht auf dem Pappdeckel sieht schlimm genug aus. Dann muss es doch nicht so schmecken wie es daherkommt.

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Der großformatige XXL Hauptbahnhof aus der Ära Kohl bietet im Inneren und Äußeren jeweils eine Möglichkeit Currywurst zu essen.

Der Leipziger Hauptbahnhof bietet an die zehn Stände mit Thüringer Bratwurst. Und Leipzig ist noch nicht die Hauptstadt von Sachsen, wird es aber bald. Thüringer Bratwürste habe ich in Berlin gar nicht angetroffen. Frankfurter auch nicht und noch-nicht-einmal einen Saumagen oder Nürnberger. Geschweige denn Weißwürste. Dies widerspricht unserer föderalen Grundordnung und gehört zur Debatte in den Bundestag. Abstimmung zum Schutzgesetz der Deutschen Wurstkultur natürlich ohne Fraktionszwang und unter Namensnennung der Abgeordneten.

Die am Hinterausgang des Bahnhofes unter den Schienen der S-Bahn liegende Wurstbude kann durchgehen, da sie ein urbanes Feeling vermittelt jedoch schlecht besucht ist weil eigentlich nicht zu finden. Diese Currywurstbude hat was subversives. Ich fand die Sauce gut und die Südländische Bedienung witzig, freundlich. Sie kam mit dem eisigen Wind, der immer in Berlin zu wehen scheint, genau sowenig zurecht wie ich.

Im Inneren des Bahnhofs sind die wohlbekannten Fress-Filialen zu finden und auch der Currywurststand ist der McDonalddisierung nicht entgangen.

Ich fragte die schnodderig, witzelnde Bedienung, ob sie wirklich den Heinz Ketchup auf die arme Wurst schütten will. Dies sei ja dem Waterboarding nicht unähnlich. Ja sagte sie – so ist das hier. Wir kennen kein Pardon. Dann streute sie über die ersäufte Wurst das gelbliche Puder der letzten Segnung und fertig war die „Currywurst“.

Der Horizont meiner Forschung umfasste bisher den Hauptbahnhof und seine nähere Umgebung.

Um nicht einem Vorurteil zu erliegen nahm ich einen weiten Wanderweg auf mich und lief vom Hauptbahnhof den Prenzlauer Berg hinauf bis zum Käthe-Kollwitz-Platz. Das sind so um die 5 Kilometer durch eng bebautes und bewohntes Gebiet. Nix. Keine Wurstbude, kein Imbiss. Absolut nix. Bioläden und vegane Kaffees ja. Alleinstehende emanzipierte Frauen mit Sojamilchtrinkenden Kindern – ja.

Mitten im Prenzelberg ein Kiosk der ein wenig an eine Großstadt erinnert aber natürlich mit Satellitenschüssel.

Das die Bedienung in dem Kaffee, in welchem ich mich aufwärmte, nur englisch sprach war dann ganz normal.

Müssen amerikanische Einwanderer und Flüchlinge eigentlich keine Deutschkurse besuchen und sich über unsere Wurstkultur aufklären lassen?

Um nicht schon wieder zu negativ rüberzukommen – in Charlottenburg fand ich eine Currywurstbude nach meinem Geschmack die jedoch geschlossen hatte. Da muss ich nochmals hin und gucken ob sie schmeckt – die Currywurst.

Im übrigen hatte ich durch die Suche nach Wurstbuden und ähnlichem großen Hunger bekommen und speiste in der FLEISCHEREI auf der Schönhauser Allee 8 hervorragend. Die Rotweine aus Österreich waren für mich eine Sensation und eröffneten einen neuen Horizont. Es muss nicht immer Currywurst sein! Arm und keine richtige Currywurst – in Berlin, ist eigentlich kein Makel, so lange man ein Kreativer ist.

Manchmal will man mit „SIE“ angesprochen werden. Denn wer weiß eigentlich was ich bin und was ich gern esse und dabei denke?

Die Umgangsformen sind einfach verlottert. Da wird man beim essen geduzt und der Kreative dieser Werbeagentur nimmt sich auch noch heraus zu behaupten durch meine Bestellung manifestiere ich wer ich bin. Und wenn ich mich einfach nur tarnen möchte?