Das zweite Leben des Papiers - oder das Palimpsest in der Kunst
Thomas Gatzemeiers Naturdarstellungen aus dem Zyklus „Sammelsurium“ und das Kontopapier
Das Palimpsest – wenn ein Bildgrund bereits eine Geschichte besitzt
Der Begriff „Palimpsest“ stammt aus der Ägyptologie. In früheren Jahrhunderten war Pergament kostbar. Deshalb wurden bereits beschriebene Blätter gelegentlich abgeschabt, gereinigt und erneut verwendet. Die alte Schrift verschwand dabei nicht immer vollständig. Unter dem neuen Text blieben Spuren des früheren sichtbar: verblasste Buchstaben, Linien und Schatten einer Mitteilung, die eigentlich hatte gelöscht werden sollen.
So entstanden Schriftstücke mit mehreren Zeitschichten. Das Neue verdrängte das Alte, ohne es vollständig zum Schweigen zu bringen.
In der Kunst wird der Begriff des Palimpsestes heute weiter gefasst. Er bezeichnet Werke, in denen verschiedene Zeiten, Bedeutungen und Bearbeitungsspuren übereinanderliegen. Der Bildgrund ist nicht mehr bloß eine neutrale Fläche. Er trägt bereits eine Geschichte in sich und wirkt an der Entstehung des neuen Bildes mit.
Genau darin liegt ein Schlüssel zum Verständnis meiner Naturdarstellungen aus dem Zyklus „Sammelsurium“.
Gebrauchtes Material wird Kunst
Die Verwendung bereits vorhandener oder gebrauchter Materialien gehört zu den großen Neuerungen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Künstler begannen, Dinge in ihre Arbeiten einzubeziehen, die ursprünglich für ganz andere Zwecke hergestellt worden waren: Zeitungsausschnitte, Fahrkarten, Verpackungen, Reklame, Holzreste, Stoffe oder gewöhnliche Gebrauchsgegenstände
Kurt Schwitters und die Poesie des Weggeworfenen
Kurt Schwitters sammelte Fahrkarten, Anzeigen, Etiketten, Zeitungsausschnitte, Stoffreste und andere scheinbar wertlose Dinge. Aus diesen Fundstücken schuf er seine sogenannten Merzbilder.
Der Begriff „Merz“ entstand aus einem Fragment des Wortes „Commerz“, das Schwitters in einer seiner frühen Collagen verwendete. Aus einem zufällig übrig gebliebenen Wortteil entwickelte er eine eigene künstlerische Welt.
Die Merzbilder zeigen, dass ein gebrauchtes Material seine Vergangenheit nicht ablegen muss, um Kunst werden zu können. Im Gegenteil: Eine abgerissene Fahrkarte oder ein zerknittertes Stück Zeitung erzählt bereits etwas. Schwitters machte diese vorhandene Geschichte zum Bestandteil seiner Komposition.
Max Ernst – aus Vorhandenem entsteht eine unbekannte Welt
Auch Max Ernst verwendete bereits vorhandene Bilder und Materialien. Für seine Collagen griff er unter anderem auf alte Illustrationen, Warenkataloge, Lehrbücher und Holzstiche des 19. Jahrhunderts zurück. Er löste einzelne Figuren, Maschinen, Tiere oder Landschaftsteile aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und setzte sie neu zusammen.
Dabei entstanden keine bloßen Sammlungen von Fundstücken. Max Ernst verband die einzelnen Fragmente so geschickt, dass sie wie Bestandteile einer einzigen, rätselhaften Welt erschienen. Vertraute Dinge gerieten in ungewohnte Beziehungen. Größenverhältnisse verschoben sich, Räume wurden unlogisch und aus nüchternen Illustrationen entstanden poetische oder beunruhigende Traumbilder.
Auch seine Frottagen beruhen auf dem Vorgefundenen. Ernst legte Papier auf Holz, Blätter oder andere strukturierte Oberflächen und rieb deren Strukturen mit dem Zeichenstift durch. Nicht allein die Hand des Künstlers bestimmte das Bild. Das Material selbst lieferte Formen und Spuren, auf die der Künstler reagierte.
Das Vorgefundene wurde damit nicht nur verwendet. Es wurde zum Partner des künstlerischen Prozesses.
Marcel Duchamp und die Entscheidung des Künstlers
Marcel Duchamp ging noch einen Schritt weiter. Er nahm industriell hergestellte Alltagsgegenstände und erklärte sie durch Auswahl, Titel und Präsentation zu Kunstwerken. Diese Arbeiten nannte er Readymades.
Ein Flaschentrockner, eine Schneeschaufel oder ein Fahrrad-Rad verloren im Ausstellungsraum ihren selbstverständlichen Gebrauchswert. Sie wurden nun anders betrachtet. Duchamp zeigte, dass nicht allein die handwerkliche Herstellung ein Kunstwerk hervorbringt. Auch die Entscheidung des Künstlers, einen Gegenstand aus seinem gewohnten Zusammenhang zu lösen und in einen neuen zu versetzen, kann ein schöpferischer Akt sein.
Damit stellte Duchamp eine Frage, die bis heute wirksam ist: Entsteht Kunst nur dadurch, dass etwas neu hergestellt wird – oder auch dadurch, dass etwas Vorhandenes neu gesehen wird?
Das Kontoblatt als Bildgrund
Ich verwende seit vielen Jahren nicht nur für die Naturdarstellungen originale Blätter aus Kontobüchern der Zeit um 1910.
Diese Papiere wurden ursprünglich natürlich nicht für die Kunst hergestellt. Sie dienten der kaufmännischen Ordnung: Einnahmen und Ausgaben wurden verzeichnet, Waren verbucht, Zahlenkolonnen gezogen und Geschäftsvorgänge festgehalten.
Ein solches Blatt ist deshalb keine leere Fläche. Es besitzt bereits eine Struktur und ein erstes Leben. Es verbucht unser Dasein zwischen Soll und Haben.
Gedruckte Spalten, rote und blaue Linien, Seitenzahlen, handschriftliche Eintragungen, Stempel und Verfärbungen erzählen von einer vergangenen Arbeitswelt. Menschen haben auf diesen Blättern gerechnet, geschrieben, geprüft und korrigiert. Auch wenn ihre Namen heute unbekannt sind, haben sie sichtbare Spuren hinterlassen.
Ich lösche diese Spuren des Vergangenen nicht. Auch übermale ich diese nicht vollständig. Mit Tusche lege ich zunächst die Zeichnung an. Anschließend entwickelt sich die Darstellung die mit hochwertigen Acrylfarben ausgeführt wird. Die ursprüngliche Ordnung des Kontobuches bleibt an vielen Stellen sichtbar und tritt in einen Dialog mit dem gemalten Motiv.
So entsteht ein Palimpsest im übertragenen Sinne: Eine neue Bildwelt legt sich über eine ältere, ohne diese auszulöschen.
Die vorhandene Lineatur wird nicht beseitigt, sondern in die Komposition einbezogen.

Wenn Natur auf Buchhaltung trifft
Die besondere Spannung dieser Arbeiten entsteht aus dem Zusammentreffen zweier sehr verschiedener Ordnungen.
Das Kontobuch steht für Berechnung, Handel und Kontrolle. Seine Linien teilen die Fläche ein, seine Spalten verlangen nach Eindeutigkeit. Alles soll seinen Platz, seine Nummer und seinen Wert erhalten.
Die Natur hingegen hält sich nur bedingt und wenn der Mensch eingreift an Vorgaben. Pflanzen wachsen über Grenzen hinweg. Früchte reifen, Insekten verwandeln sich und Vögel setzen sich dorthin, wo es ihnen gefällt. Ein Schmetterling lässt sich nicht bilanzieren. Eine Blüte passt in keine Soll-und-Haben-Spalte.
Gerade dieses Aufeinandertreffen macht den besonderen Reiz der Arbeiten aus. Die gemalten Tiere, Pflanzen und Früchte scheinen sich die alte Buchhaltung anzueignen. Sie überlagern die frühere Zweckbestimmung des Papiers, ohne sie völlig zu verdrängen.
Die Zahlen bleiben sichtbar, sind jedoch zum Beiwerk degradiert.

„Sammelsurium“ – eine neue Ordnung der Dinge
Der Titel des Zyklus ist mit Bedacht gewählt. Ein Sammelsurium bezeichnet zunächst eine Ansammlung unterschiedlicher Dinge. Das Wort kann beiläufig oder sogar etwas abschätzig klingen: als sei da etwas zusammengekommen, was nicht recht zusammengehört.
In meinen Arbeiten wird daraus jedoch ein künstlerisches Prinzip. Unterschiedliche Zeiten, Zeichen und Erscheinungen begegnen einander auf einem Blatt. Die nüchterne Ordnung der Buchhaltung trifft auf die Vielfalt der Natur. Gedruckte Linien begegnen frei gesetzten Formen. Historische Gebrauchsspuren stehen neben intensiven Farben.
Wie bei Schwitters geht es dabei nicht um ein ungeordnetes Nebeneinander, sondern um die Verwandlung des Vorgefundenen durch die Beziehungen der Elemente. Wie bei Max Ernst entsteht aus bereits vorhandenen Zeichen eine neue Bildwirklichkeit. Und wie bei Duchamp beginnt der künstlerische Vorgang mit einer bewussten Auswahl: Dieses alte Blatt wird aus seinem bisherigen Zusammenhang gelöst und als Bildgrund neu betrachtet.
Dennoch bleiben meine Arbeiten eine eigenständige Form der Malerei. Das historische Papier ist weder bloße Kulisse noch allein ausgestelltes Fundstück. Es ist der Widerpart, auf den Zeichnung und Farbe reagieren. Die handwerklich mit äußerster Präzision ausgeführten Naturdarstellungen und die vorhandene Ordnung des Kontobuches werden zu einem untrennbaren Ganzen.
Ein Original mit zwei Geschichten
Jede Arbeit aus dem Zyklus „Sammelsurium“ besitzt deshalb mindestens zwei Geschichten.
Die erste begann um 1910. Sie handelt von einem Kontobuch, von Arbeit, Waren, Geld und den Menschen, die ihre Eintragungen hinterließen.
Die zweite Geschichte beginnt im Atelier. Das gebrauchte Papier wird ausgewählt, betrachtet und mit Tusche und Acrylfarbe in ein Kunstwerk verwandelt. Aus einer Unterlage des Rechnens wird ein Ort des Sehens. Aus einem Geschäftsvorgang entsteht ein Bild. Aus etwas Aufbewahrtem wird etwas Bewahrenswertes.
Vielleicht liegt darin auch ein stiller Kommentar zur Gegenwart. Nicht alles, was alt, gebraucht oder aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gefallen ist, hat seinen Wert verloren. Manches muss nur neu betrachtet werden.
In den Naturdarstellungen aus meinem Zyklus „Sammelsurium“ wird das Vergangene nicht nostalgisch verklärt. Es bleibt sichtbar und erhält zugleich eine neue Gegenwart. Die Bilder verbinden Erinnerung und Erfindung, Ordnung und Wachstum, Geschichte und Natur.














