Künstlerische Anmaßung
Über Interventionen, Kontext und die Frage nach Kunst
Froher Hoffnung betrat ich die Dominikanerkirche zu Colmar.
Ich freute mich auf die Madonna im Rosenhag, auf Stille, Konzentration und jene besondere Ruhe, die sich einstellt, wenn große Kunst nicht erklärt, sondern erfahren werden darf. Nach dem touristischen Trubel der Stadt schien mir dieser Ort wie ein Versprechen. Was ich antraf, war eine künstlerische Anmaßung.
Also war meine Vorfreude ein Versprechen, das nicht eingelöst wurde.
Künstlerische Interventionen und künstlerische Anmaßung – ein zunehmend vertrautes Ärgernis
Verschiedentlich – nein, immer häufiger – trifft der Kunstbetrachter heute in Räumen, in denen Kunst eigentlich vor Eingriffen geschützt sein sollte, auf sogenannte künstlerische Interventionen. Ich meine damit ausdrücklich nicht Aktionen von Umweltaktivisten oder politischen Protestformen, sondern jene kuratierten Eingriffe, die sich den Anschein des Künstlerischen geben und dieses Feld in Wahrheit längst verlassen haben.
Was hier geschieht, ist keine Erweiterung, kein Dialog, keine produktive Reibung.
Es ist eine Anmaßung!
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Der Ort als Instrument und Spielball der künstlerischen Dilettanten.
Diese sogenannten Interventionen instrumentalisieren den Ort – und mit ihm die darin befindlichen Kunstwerke.
Da solche Eingriffe in der Regel kuratiert sind, drängt sich eine Frage auf: Was genau ist den Kuratierenden hier durch den Kopf gegangen?
Haben sie Achtung vor der Kunst, der sie begegnen?
Oder ordnen sie diese lediglich einem ichbezogenen kuratorischen Kosmos unter, in dem alles Material ist, solange es sich als Behauptung für eigenes Tun benutzen lässt?
Die Madonna im Rosenhag ist kein beliebiges Bild. Und Colmar liegt nicht fern einer kunsthistorisch sozialisierten Zivilisation und wird doch Opfer von künstlerischer Anmaßung.
Kunst versus Geltungsbehauptung
Was uns hier – und längst nicht nur hier – vorgeführt wird, ist ein altes, ungelöstes Problem: Kunst versus Geltungsbehauptung.
Für einen halbwegs künstlerisch oder kunsthistorisch gebildeten Menschen ist offensichtlich, dass diese „künstlerischen Interventionen“ nicht nur anmaßend sind, sondern den Betrachter regelrecht beleidigen. Nicht durch Provokation, sondern durch Beliebigkeit.
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Dekoration ist nicht Kunst und wenn dies behauptet wird, nennt man dies eine künstlerische Anmaßung.
Da ich vor meinem Studium der bildenden Künste den Beruf des Schrift- und Plakatmalers gelernt habe, weiß ich sehr genau, was Dekoration ist – und was Kunst.
Ich kann einschätzen, was handwerklich ordentlich, gestalterisch gefällig oder schlicht einfallslos ist.
Über Qualität zu sprechen gilt heute schnell als verdächtig: normativ, rückwärtsgewandt, elitär. Dabei ist Qualität nichts anderes als die Frage, ob ein Werk mehr kann als sein Kontext. Mir scheint es dringend, sich über den Kunstbegriff ernsthaft Gedanken zu machen.
Und damit sind wir beim Kontext der Dominikanerkirche Colmar – und bei der darin befindlichen Kunst.
Beliebigkeit im Angesicht der Kunstgeschichte
Die pseudoinformellen Leinwände ebenso wie die in der Kirche arrangierten roten Papierblumen könnten ebenso gut jedes Schaufenster dekorieren. Sie sind ortsungebunden, austauschbar, bedeutungsarm.
Wo also, um Himmels willen, ist hier der Bezug zur Kunst? Und mehr noch: zur Kunst eines Martin Schongauer?
Die eigentliche Anmaßung
Die Anmaßung liegt nicht allein darin, sich nicht ausreichend mit der Geschichte des Ortes und seiner Kunstwerke zu beschäftigen – wenngleich auch das.
Sie liegt vor allem darin, sich auf dieselbe Stufe zu stellen, ohne den Weg (der künstlerischen Erkenntnis) gegangen zu sein
DENN
Nähe ersetzt keine Tiefe | Ort ersetzt keine Notwendigkeit | Geste ersetzt keine Form.
Wer heute Kunst im historischen Kontext zeigt, sollte sich weniger fragen: Wie wirke ich hier?
Sondern:
Was habe ich hier verloren? Und vor allem: Was maße ich mir an?
Die Beschneidung der Madonna – ein Sinnbild
Unter den erklärenden Texten zur Madonna im Rosenhag in der Dominikanerkirche Colmar findet sich einer, der von der Verstümmelung des Gemäldes in früherer Zeit handelt.
Denn dieses grandiose Gemälde wurde im Laufe seiner Geschichte beschnitten. Nicht aus künstlerischer Notwendigkeit, sondern aus pragmatischen, vielleicht liturgischen Gründen.

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Ein menschlicher Eingriff in ein großes Werk.
Und genau darin liegt eine bittere Ironie:
Während man heute lautstark von „Dialog“ und „Intervention“ spricht, hat man in früheren Jahrhunderten sehr konkret, sehr handfest in Kunst eingegriffen – ohne diesen Eingriff ästhetisch begründen zu können. Damals – möchte man sagen – waren wir jung und haben nichts von Kunst und dem Umgang damit verstanden.
Was wir heute erleben, ist jedoch ein Sakrileg und durch nichts zu rechtfertigen. O.K mindestens eine Beleidigung.
Keine reale oder erdachte Notwendigkeit, aber ein hoher Anspruch, der durch nichts begründet wird. Alles hohle Geste
Der Unterschied ist gravierend.
Denn Eingriffe, die sich selbst zum Thema machen, sind selten Kunst – sie sind meist nur Ausdruck eines egomanischen Bedürfnisses, einer Selbsterhöhung. Und damit eigentlich wiederum ein Syndrom unserer Zeit.

















