Susanna im Bade – Männliche Macht, Sexualität und die Geschichte einer Projektion
Sobald eine Ausstellung abgehängt ist, löst sie sich meist im weißen Rauschen des Kunstbetriebs auf. Flüchtige Aufmerksamkeit, rasches Vergessen – und oft ein leicht bitterer Nachklang.
Umso erstaunlicher, dass das Wallraf-Richartz-Museum in Köln zwischen Oktober 2022 und Februar 2023 eine Ausstellung präsentierte, die diesem Trend widersprach und dem uralten Motiv Susanna im Bade neue Klarheit verlieh.
Susanna im Bade als kunsthistorisches Motiv – ein neuer Zugriff auf ein altes Thema
Die Kölner Ausstellung setzte Maßstäbe. Sie ordnete die vielfältigen Darstellungen von Susanna und den Alten historisch, ikonografisch und gesellschaftlich neu und lieferte damit ein Fundament, das endlich über moralisches Getöse und tagespolitische Schlagworte hinausreicht.
Besonders wertvoll: Die umfangreiche Publikation, die weit mehr darstellt als ein Ausstellungskatalog. Sie sollte – und wird vermutlich – in die kunsthistorische Lehre eingehen.
ANZEIGE FÜR AUSSERGEWÖHNLICHES | Wenn Sie schon klicken - dann bitte auf ein Bild.
„Es wohnte ein Mann in Babylon mit Namen Jojakim; der hatte eine fromme Frau, die hieß Susanna, eine Tochter Hilkijas; die war sehr schön und fürchtete den Herrn. Denn sie hatte fromme Eltern, die ihre Tochter nach dem Gesetz des Mose unterwiesen hatten.“
Lutherbibel 2017.
Sexualität in der Kunst und MeToo: Ein kompliziertes Verhältnis
Die Kurator*innen verhedderten sich nicht im üblichen Reflex, jede Nacktheit vorschnell als Skandal zu etikettieren. Stattdessen stellten sie das Motiv Susanna im Bade in Beziehung zu historischen Machtverhältnissen – und zu den modernen Diskussionen um sexuelle Nötigung, MeToo und Übergriffigkeit.
Es bleibt wohltuend, dass die Ausstellung nicht populistisch argumentierte, sondern wissenschaftlich sauber arbeitete. Denn die schnelle moralische Empörung einiger Weniger gefährdet oft exakt das, was sie zu schützen vorgibt: die Kunstfreiheit.
Zwischen Biologie und Kultur: Warum Susanna im Bade ein universelles Thema berührt
Bevor man sich den Bildern nähert, lohnt ein Blick auf den Menschen selbst. Wir sind Säugetiere, genauer: Plazentatiere. Unser Geschlechtstrieb entsteht nicht in moralischen Abwägungen, sondern tief in der Amygdala.
Die Kultur versucht, dieses Feuer in ein gesellschaftlich verträgliches Maß zu überführen – mit wechselndem Erfolg. Dass zwischen Amygdala und Hippocampus oft schlechte Kommunikation herrscht, ist nicht nur eine ironische, sondern eine bittere anthropologische Beobachtung.
Die Ursprünge des Motivs: Machtmissbrauch vor Sexualität
Die ältesten Texte zum Thema gehen vermutlich auf die Zeit zwischen 198 und 63 v. Chr. zurück. Bemerkenswert ist, dass darin nicht primär von sexueller Gewalt die Rede ist.
Der Kern der Erzählung ist Machtmissbrauch: Richter, Autoritäten, Männer mit gesellschaftlicher Stellung bedrängen eine Frau.
Das eigentliche zivilisatorische Moment liegt darin, dass Susanna sich wehrt – und am Ende Recht erhält. Daniel entlarvt die Widersprüche der Täter.
Was damals galt, gilt noch heute: Missbrauch von Macht ist gefährlicher als jede moralische Debatte über Nacktheit.
ANZEIGE FÜR AUSSERGEWÖHNLICHES | Wenn Sie schon klicken - dann bitte auf ein Bild.
Zu Kunst und Bild | Susanna im Bade
Frühe Darstellungen: Susanna im Bade in der Spätantike und im Mittelalter
Eine der ältesten Darstellungen stammt aus den römischen Katakomben. Dort erscheint Susanna als Schaf zwischen zwei Wölfen – der Übergriff als Allegorie, nicht als naturalistische Szene.
Eine Miniatur des 9. Jahrhunderts zeigt Susanna, wie sie ihr Haar kämmt, überrascht und bedrängt von den Alten.
Haar, Körperhaltung, übereinandergeschlagene Beine – alles erhält symbolische Bedeutung. Der „lebendige Keuschheitsgürtel“, den Johan Jacob Tikkanen 1912 beschreibt, mag überraschen, aber er zeigt, wie tief kulturelle Lesarten in den Körper eingeschrieben sind.
Rubens und der begehrende Blick – Sexualität in der Kunst des Barock
Rubens’ Darstellung von Susanna im Bade habe ich oft betrachtet, und immer fällt dieser gierige Blick des rechten Alten auf.
Dass man in ihm einen antisemitischen Typus erkennen könne, war für mich neu. Ich sah stets einen Satyrentypus – und Satyrn ohne Hakennasen sind selten.
Aus Praxisperspektive fasziniert mich vielmehr Rubens’ Kunstgriff: der anatomisch kaum plausible Arm Susannas, der sich dennoch organisch ins Bild einfügt.
ANZEIGE FÜR AUSSERGEWÖHNLICHES | Wenn Sie schon klicken - dann bitte auf ein Bild.
Als Praktiker sehe ich zuerst, dass es Rubens auch in dieser Komposition gelungen ist, unser Auge zu täuschen.
Denn der Arm, den Susanna nach links oben streckt, hat keine logische Verbindung zu ihrem Oberkörper. Nicht das mich dies stören würde. Ich sehe es einfach. So wie auch die Figuren auf dem Gemälde der Raub der Töchter des Leukippos anatomisch sehr „fantasievoll“ gestaltet sind und in der Realität alles zusammenbrechen würde. Mit forschendem Stift habe ich dies herausgefunden, indem ich die Leiber unter den sie verhüllenden Tüchern komplettiert habe. Also die Reproduktion mit Transparentpapier abdeckte und die Leiber der Töchter in den verdeckten Partien linear ergänzte. Das ist die Wissenschaft des Malers. Sie forscht am Gegenstand, um ihn zu begreifen.
Die Kunstwissenschaftler sehen auf dem Gemälde von Tintoretto „Die beiden Alten“ (oder auch „Susanna im Bade“) dem Titel folgend die beiden Alten und analysieren diese nach allen Regeln ihrer Kunst.
Mich interessieren hingegen Susanna, die floralen Motive, das seidige Inkarnat ihres Leibes und den gekonnten Chiaroscuro-Effekts den der Maler aufs trefflichste beherrschte. Auch die von ihm angewendete Dreieckskomposition und nicht zuletzt die Anwendung des Goldenen Schnitts ist interessant.
Tintoretto und die Verlagerung des Interesses
Auch Tintoretto scheint den Fokus nicht auf die Alten gelegt zu haben – sie mussten als narrative Notwendigkeit auftauchen, doch das Bild gehört der Frau.
Dass der Hirsch im Hintergrund als Symbol der Wollust gelten kann, ist möglich, aber sekundär. Auftraggeber denken selten in theologischen Feinheiten – sie denken an Schönheit.
Es ist lediglich eine Spekulation.
Natürlich kann man im Hirsch ein Symbol für Wollust sehen. Wenn man so will, ist auch Haar und Hase in der Kunst allgegenwärtig. Überhaupt scheint jedes Ding als Symbol zu taugen.
Interessant wäre es zu wissen, wer dieses Gemälde in Auftrag gab und welchen Raum es ursprünglich schmückte. Denn dem Auftraggeber ging es vermutlich um die vordergründig dargestellte Schönheit der Frau.
Nacktheit ohne Mythos: Vom Barock zur Moderne
Bis ins 19. Jahrhundert hinein war nackte Darstellung nur legitim, wenn sie allegorisch oder mythologisch gerahmt war.
Rembrandt durchbricht das, Rubens ebenso. Mit Manets „Olympia“ bricht dann endgültig eine neue Ära an: Nacktheit wird zur Realität, nicht zum Vorwand.
Auch wenn der Aufsatz im Katalog zur Ausstellung „Susanna – Bilder eine Frau vom Mittelalter bis MeToo“ von Roland Krischel differenzierter ist als die Texte in der Publikation zur Hamburger Ausstellung Femme fatale, die ich als Fanal bezeichnet habe, so begeht Krischel doch den Fehler, Werk und Künstler gleichzusetzen.
Ich möchte Ihnen hier nicht zumuten, die dezidiert sexuellen Arbeiten von Käte Kollwitz oder anderen Künstlerinnen (z.B.Miriam Cahn) zu sehen. Aber lassen wir das.
Oder eben nicht. Einige Sätze zu meinen Erfahrungen mit Aktmodellen. Ja, es gab wenige, für die Geld ein Beweggrund war, Modell zu stehen. Ein Grund! Hätte ich gespürt, dass ihnen sich nackt zu zeigen unangenehm gewesen wäre, hätte ich die Zusammenarbeit sofort beendet. Sorry. Ich habe sie in wenigen Fällen beendet, weil das einerseits unangenehm ist und sich ein gehemmtes Modell nie natürlich gibt.
Die überwiegende Zahl der Modelle wollte keine Bezahlung, sondern eine Aktzeichnung meiner Hand von sich. Durchaus auch sehr sinnliche Zeichnungen. Anlässlich von Ausstellungen auf denen Gemälde gezeigt wurden, für die sie Model waren, kamen sie mit ihren PartnerInnen und waren stolz in die Bilderwelt eingegangen zu sein.
„Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)
Und damit möchte ich doch auf die differenzierte Betrachtung von Anja K. Sevcik in dem Katalog verweisen. Sie merkt an: „Auch wenn Künstlerschaft und Klientel im Barock überwiegend männlich geprägt waren, so wurde „Susanna“ durchaus von Frauen rezipiert, die hinter der Entblößung der biblischen Heldin ganz offensichtlich keine Bloßstellung vermuteten – im Gegenteil.“
Diese Erkenntnis kann ich auch für mein Umfeld vollkommen teilen und möchte hiermit zu der Künstlerin Artemisia Gentileschi kommen.
Denn die #MeToo Diskussion hat auch ihr GUTES. Eher am Rand des Kunstgeschehens stehende Künstlerinnen treten wieder ins Rampenlicht. Die Malerin Lotte Laserstein, die vor den Nazis ins schwedische Exil flüchtete und die Aktmalerei emanzipiert. Ein Skandal ist jedoch die späte Wiederentdeckung. Oder die emanzipierte Malerin Marie Louise Élisabeth Vigée-Lebrun, eine sinnliche Porträtmalerin mit Geschäftssinn.

Dieses Bild, malte die Künstlerin vermutlich in ihrem 17. Lebensjahr.
Die junge Artemisia Gentileschi war selber ein Opfer von sexuellem Missbrauch. Sie war die Tochter des Malers Orazio Gentileschi. Dieser gab sie zu einem befreundeten Maler in die Lehre und sie wurde von ihm sexuell missbraucht. Letztendlich landete der Fall vor Gericht und nicht der Peiniger wurde gefoltert, sondern das Opfer um herauszufinden, ob sie die Wahrheit aussagte. Lesen Sie hier eine Zusammenfassung – die Selfmadefrau des Barocks.
Ich möchte in dem Zusammenhang ohne weiteren Kommentar auf Ihr Gemälde „Das natürliche Talent“ eingehen.
Dieses Gemälde wurde von Michelangelo Buonarroti dem Jüngeren (1568–1646) als eines der Gemäldeserie in Auftrag gegeben, die das Leben seines Großonkels Michelangelo Buonarroti verherrlichen sollte.
Nach der Analyse der Gesichtszüge ist davon auszugehen, dass sich die Künstlerin selbst, und zwar nackt darstellt. Diese Nacktheit wurde ebenso wie Michelangelos jüngstes Gericht in der Sixtinischen Kapelle mit Schleiern und Vorhängen übermalt.
Die Ende 2022 begonnenen Restaurierung wird die Übermalungen nicht ohne Beschädigung des Werkes beseitigen können. Demnächst soll eine digitale Nachbildung des Originalzustandes präsentiert werden.
Der Katalog Susanna. Bilder einer Frau vom Mittelalter bis MeToo ist für mich schon jetzt ein Standardwerk der kunstgeschichtlichen Erforschung des Themas Susanna im Bad. Und steht in seiner Bedeutung diametral zu dem Pamphlet der Hamburger Ausstellung Femme fatale.
Hier finden sie eine Beschreibung von dem außergewöhnlichen Gemälde des Altendorfer Susanna im Bade: Die Kunst ein Drama zu verstecken























Ich sehe die Kölner Ausstellung positiv als auch negativ. Positiv: ja endlich mal eine Ausstellung die den Namen Susann verdient. Negativ deshalb, weil viele moderne Interpretationen und kritische Darstellungen noch nocht einmal erwähnt werden, geschweige den Beispiele im Katalog angegeben werden. Sehr schade, zumal gerade die moderneren Bilder mit der sich selber verteidigenden Susanna nicht auftaucht.