16. Transamazonas - Belém

Die Festung in Belem

Belém – vom Überfluss und dem Leben am Rio Guamá

Ein portugiesischer Kapitän betrat 1616 das Land der Tupinambá -Indianer und legte den Grundstein einer Festung. Alle weltweit bestehenden Eigentumsrechte können auf ähnliche Raubzüge zurückgeführt werden und sind eigentlich nichtig, da jeglicher Rechtsgrundlage entbehrend. Der Anfang jeglichen Eigentums war eine Behauptung. Der Behauptung der Zugehörigkeit von Land zu einem Menschen, einer Sippe, einem Herrscher.

Das erstmalige Betreten von Land reichte aus. Es galt das Recht des Stärkeren und das Übel nahm seinen Lauf.

Wir nennen es Zivilisation. Mithilfe ihrer Religion vermochte diese Zivilisation die Okkupation des Landes fremder Völker und dessen Enteignung zu rechtfertigen. Danach wurden Steuern erhoben die eine Geldleistung darstellen welche keinen Anspruch auf eine Gegenleistung beinhaltet, sondern höchstens verspricht. Und noch nicht einmal das ist sicher – das Versprechen.

Ein Wasserbus auf dem Amazonas

Früh am Morgen, wir lagen auf Reede, kamen die typischen Passagierschiffe des Amazonasgebietes im Rudel an und übernahmen den Transport der Gäste ins Gebiet des Niedrigwassers.

Da mich Märkte unwiderstehlich anziehen, benutzte ich den eingerichteten Tenderpendelverkehr zum Festland. Die Dinger haben nichts mit einer Tenderlokomotive zu tun, sondern sind eigentlich dazu gedacht Sorgen zu tragen. Leute zu retten. Englisch (at)tend – Sorge tragend. Es sind größere Rettungsboote, die vom Schiff herabgelassen werden und mit denen zu fahren viel Spaß macht, zumal wenn Wellengang ist. Einige mögen das nicht und werden schnell blass, obwohl sie schon mehrmals Sonnenbrand hatten. Bei denen die mittlerweile das Aussehen ägyptischer Mumien angenommen hatten sah man das jedoch nicht.

Die waren plötzlich still und die Goldkettchen baumelten an ihren Hälsen hin und her. Manche Frauen gaben durchdringende Töne des Vergnügens von sich, als würden sie an empfindlichen Stellen berührt.

Fahrt in die Stadt Belm

Mit Bussen wurden wir in das Stadtzentrum verbracht.

Der Reiseleiter – ein Religionswissenschaftler mit Heidelberger Universitätsabschluß – war nicht nur sehr humorvoll sondern vermittelte viel und das auf kurzweilige Art. Lediglich wenn er auf die ehemalige Militärregierung zu sprechen kam, wurde er ernst, zornig und wütend. Die Militärs installierten nicht nur eine Diktatur sondern ruinierte auch das Land. 1985 war schluß. Ob Reiseleiter im Osten Deutschlands derart deutlich mit der Vergangenheit umgehen bezweifle ich. Fernando konnte aber auch über die anhaltende Korruption und die daraus resultierenden ruinösen Großprojekte trefflich und brilliant-zynisch herziehen. Das müssen wir lernen!

Merzedes benz in Brasilien

Die größte Brauerei der Region ist eine deutsche.

Ob die auch koruppt ist – dazu sagt er nichts. Mir schien jedoch, dass unser Land in Brasilien sehr geachtet ist. Der Mercedes-Stern glänzt an so manch alter Karosse.

Der bunte Markt von Belem Brasilien

Auf dem Markt füllten sich meine Augen mit Farben, meine Nasenschleimhäute wurden mit exotischen Düften überschwemmt und die Ohren waren offen für das Rufen der Händler.

Im Gegensatz zu anderen von mir besuchten Ländern wurde ich nicht gedrängt zu kaufen und konnte in Ruhe das Treiben beobachten und das erfrischende Wasser einer Kokosnuss schlürfen. Überall waren Stände mit dieser Frucht anzutreffen. Meist von Frauen betrieben, die mit zwei, drei präzisen Hieben einer fürchterlich scharfen Machete die Frucht öffneten. Ich hatte jedes Mal Angst sie schlügen sich dabei mindestens einen Finger ab.

Nußhackermädchen auf dem Markt

Kinder hackten mit kleinen Beilen die Schalen von Paranüssen auf, sodass mir Angst und Bange wurde.

Nußhacker öffnen Paranüsse

Überhaupt – diese Paranuss. Ist sie das Vorbild der Streubombe?

Ich wusste nicht, dass sie in einer runden Kugel am Baume hängt. Diese Kapsel enthält 10 bis 25 Nüsse. Die EU verhängte letztens ein Importverbot, weil in ihren Schalen irgendein Karzinogen vorkommt, welches Krebs verursachen soll – natürlich. Darauf rauche ich eine! Überlege aber auch warum die Brasilianer noch nicht ausgesorben sind.

Die Köchin auf dem Markt in Brasilien

Ich hätte gern, aber ich sollte nicht – an einem der Stände gegessen.

Durch die Wärme und Feuchtigkeit seinen die einheimischen Speisen für unsere Mägen, da sie einige Zeit offen daliegen, nicht immer verträglich, meinte der Reiseleiter. Obwohl ich nach einschlägigen Erfahrungen immer Kohletabletten bei mir habe, verzichtete ich auf die oralen Genüsse und übertrug diese Aufgabe an meine Augen, sah mich hier einkaufen, die Beute in eine Küche tragen und kochen.

Geier fressen Fisch auf einem Markt

Der Fischmarkt hatte den Höhepunkt seiner alltäglichen Handelstätigkeit überschritten und die Reinigungskräfte in Form der schwarzen Geier fielen über die Fischreste her.

Der Geruch in diesem Teil des Marktes war gewöhnungsbedürftig. Das Treiben und die Offenheit der Menschen lies mich aber so lange verweilen wie es nur möglich war, ehe wir weiter getrieben wurden. Die Bebauung des Hafens ist von den Portugiesen und recht gut gelungen. Vor allem – was die Farbgestaltung anbetrifft – sehr gut auf die Fischerboote abgestimmt. Am Ende des Marktbesuchs frage ich mich einmal mehr, was Reichtum ist und hatte das Gefühl da bleiben zu müssen, wo ich war.

Bootsjungen auf dem Amazonas
Eine Favela von Belem

Nach der Fahrt durch – nur für uns exotisch wirkende – Favelas kamen wir zu einer Anlegestelle mit angeschlossener touristischer Gastronomie.

Wenn die Herde, der ich temporär zugehörig bin, beim Fressen zu eng gehalten wird schmeckt es mir nicht, selbst wenn eine Folkloregruppe sehr anmutige Tänze vorführt. Die Frauen hierzulande scheinen keine Probleme mit ihren Bandscheiben zu haben, obwohl sie vergiftete Nüsse essen.

Wie angedeutet, das Essen war so la-la aber der Kaffee umwerfend brasilianisch. Danach ging es auf einem der kleineren Flussschiffe in die Seitenarme des  Rio Guamá. Glaube ich jedenfalls. Die Flüsse und deren Namen sind einfach zu zahlreich um sich sicher zu sein wo man sich gerade befindet. Die Menschen wurden tatsächlich still und es war nur noch das Klicken der Kameras zu hören. Eigentlich imitiert es meist nur noch den klappenden Spiegel der Reflexkameras. Ton ausgeschaltet wäre besser.

Der Regenwald die grüne Hölle

Man spricht im Angesicht des Regenwaldes von der grünen Hölle.

Freilich kann man sich – so vom Rande aus gesehen – vorstellen das es mittendrin im Regenwald bei knapp 40 Grad und ca. 90 % Luftfeuchtigkeit, den vielen bei uns kleinen und hier sehr großen, zum Teil giftig-bissigen, Krabbeltieren auf die Dauer nicht angenehm ist.
Vom Rande her – denn unsereins als Tourist sieht meist nur die Ränder – sah ich jedoch ein grünes Paradies. Wucherndes – das Wort üppig ist zu klein – grün, grün, grün. Mit Blüten und Früchten übersät und von bunten Vögeln umschwirrt. Von dem, was da unter dem Wasser schwimmt, man sah es auf dem Markt, erst gar nicht zu sprechen.
Ein Wassergrundstück nach dem anderen zog an uns vorbei.

Waschtag am Rio Guama

Das Leben in den Holzhütten nur erahnen zu können und nicht annähernd nachzuvollziehen zu können ist schade.

Nicht alles, was für uns malerisch ist, ist scheinbar für die da Lebenden erstrebenswert und so füllen sich die Städte – auch Belém hat weit über eine Million Einwohner. Sie fressen das umliegende Land. Am Ende tauschen die im Wald lebenden Menschen das Leben da mit dem in einer Favela.
Man möchte ihnen zurufen „Bleibt doch!“ und wenn man das nur denkt, ist der Zivilisierte schon wieder überheblich und anmaßend. Der Fluch unseres Lebens ist sein Schein. Der Schein es sei erstrebenswert. Amen.

Ein Klettergerüst im Regenwald

Freilich fand ich es bedauerlich nicht tiefer in den Regenwald eindringen zu können.

Aber man stelle sich vor, Hunderttausende Deppen latschen da drinnen herum. So fand ich die Möglichkeit den Rand des Urwaldes auf einem abgegrenzten Gebiet besuchen zu dürfen vollkommend ausreichend. Kam mir jedoch komisch vor, als Bewohner des Waldes, und vor allem ihre Kinder, uns vormachten, wie sie auf die Bäume klettern, um Kokosnüsse zu ernten und uns anschließend auch noch die Früchte des Waldes anboten.

Früchte des Regenwaldes

Der Reiseleiter meinte sie leben gut davon, weil sie sich wohl nichts erbetteln, aber die Gäste doch ordentlich von ihrem schnöden Papiergeld abgäben. Da Papiergeld in der Regel auf Baumwolle gemacht wird, trägt man noch nicht einmal ein Stück Wald in den Wald zurück. So gab ich auch.

Ein Bus war defekt.

Der Ausflug verzögerte sich bis in die Dunkelheit und als letzte betraten wir das klimatisiert-plüschige Musikdampferschiff. Wie sagte mein Begleiter? Spürst du den kalten Atem des Kapitalismus? Wir lachten herzlich, ließen die durchgeschwitzten Kleider zu Boden fallen und duschten, ehe wir die Galerie öffneten. Das Schiff lies sein Nebelhorn drei Mal ertönen und die mich in eine wiederkehrende Sentimentalität treibende „Ablegemusik“ wurde vom Band gespielt. Dann öffnete die Galerie.

Unter vorgehaltener Hand ging später das Gerücht um „die Zwei“ wären schon wieder betrunken, hätten sich geschlagen und mit leeren Bierflaschen beworfen. Ein Erbe, der scheinbar noch nicht die Reife hatte dieses zu verdauen, trat kurzentschlossen mit einer flüchtigen Bettbekanntschaft diese dreiwöchige Reise an. Das Bett zu teilen ist etwas anderes als einen Raum miteinander zu teilen. Miteinander zu frühstücken und den Tag zu überstehen ohne davonlaufen zu können. Für Fälle des Zwists ist auf dem Schiff eine schnelle Eingreiftruppe eingerichtet die darin geübt ist zu schlichten. Hilft das nicht, wird das Paar getrennt. Dafür hat es freigehaltene Kabinen. Es ist also für alles gesorgt.

Ich war diesmal allein unterwegs und brauchte unbedingt einen Pernod.