Seelandschaften Baltic Sea | webcam inspiriert
Seelandschaften Baltic Sea von Thomas Gatzemeier
Louis Jacques Mandé Daguerre verhalf 1837 der Fotografie zum Durchbruch, und schon kamen die Theoretiker aus ihren stickigen Buden und behaupteten, die Malerei sei am Ende. Derlei Behauptungen gab es viele, doch keinem Pinsel gingen die Haare durch Nichtgebrauch aus. Im Gegenteil wurden immer mehr Dachse gezüchtet und Schweine rasiert, um den Borstennachschub für die Pinselproduktion nicht abbrechen zu lassen.
Gustave Courbet war nicht der Einzige, der sich der Fotografie bediente, um seine Malerei zu perfektionieren.
Auch andere Maler nutzten sie, verfremdeten sie und spielten mit der – angeblich ins Unglück stürzenden – neuen Technik. Kürzlich kamen die sogenannten „Neuen Medien“ auf den Markt, und wieder wurde Gleiches behauptet – das Ende der Malerei.
Die Idee zu dem Projekt „Seelandschaften Baltic Sea“ entwickelte sich über mehrere Jahre. Von Sehnsucht nach dem Meer getrieben, fand ich eine Webcam im weltweiten Netz, die mir zu jeder Uhr- und Jahreszeit ein Stück Ostsee zeigte. Bald speicherte ich ihre Bilder ab. Ich besuchte sie persönlich – die Webcam, mein heimliches Auge – und den Strand von Warnemünde mehrmals im Jahr.
Beim Übermalen eines misslungenen Aktbildes entstand eine ähnliche Landschaft, wie ich sie durch meine Kamera, da oben im Norden, täglich mehrmals sah. Ich gehorche dem Gesehenen. Baltic Sea!
Auch wenn wir uns am Ufer bewegen, verharrt der Meereshorizont an seiner Stelle.
Er ist der einzige Ort, der jeglicher Veränderung entzogen bleibt. Andererseits ist der Horizont ein Ort der Beschränkung. Die das Meer begrenzende Linie ist das Ende jeder Perspektive. Ein Sehnsuchtsnichts, das Ende der stickigen Welt unserer erdig verhafteten Gedanken.
Die Begriffe, mit denen wir unser Dasein verorten, gehen im Horizont auf. Und obwohl wir der Lehre nach wissen, dass die Welt an dieser Linie nicht endet, so berührt sie uns doch wie schon unsere Vorfahren die dachten hinter ihr fiele man in ein Nichts – aus der Welt.
Der Horizont ist ein „Gegenstand“. Der einzige Gegenstand, der niemals angetroffen werden kann und für immer unerreichbar ist.
Eine Steigerung dieses Sehnsuchtsgefühls ist nur auf hoher See möglich und schlägt da gelegentlich in ängstliche Ohnmacht um.
Am Ufer ist die „Erdung“ halb verloren und auf dem Meer wird man sich seiner eigenen Bedeutung und Kleinheit endgültig bewusst. Man ist das, was man ist – ein Partikel. Naturwissenschaftlich kann der Horizont genau bestimmt werden. Metaphysisch, also unwissenschaftlich, also künstlerisch, ist der Blick auf den Horizont ein anderer. Einer, der unsere inneren Gefühle nicht nur widerspiegeln kann, sondern auch in der Lage ist, die Gegenwart auszublenden.
Der Meereshorizont ist die höchste Abstraktionsstufe der Natur.
Eine simple Linie. Da Gott in der Natur (außer in und an Kristallen) keine Geraden vorgesehen hat, ist der Meereshorizont für uns ein einzigartiger Anblick. Etwas Endgültiges aber auch Sehnsucht Weckendes und unser Gesichtskreis Beschränkendes. Und eigentlich, und nach den vielen geradezu heroischen Malereien diesen Gegenstand betreffend, die meinem Versuch vorangingen, fast unmalbar. Und überhaupt – was soll diese pseudoromantische Anwandlung?
Die Schrift – die Bilder an sich, mit den aufgemalten Koordinaten, sind eigentlich Schilder. Schilder von einem Schildermaler, dessen Beruf ich als junger Mann erlernte, ehe ich zu akademischen Weihen gelangte. Für mich sind diese Zeichen eine Bildstörung, neben der Formulierung des Gegenstandes, die vermeidet allzu schwelgerisch zu werden. Die Malerei als topografisches Display.
Nicht nur in der Buchmalerei des Mittelalters werden Bild und Schrift eins. Auch in den Gemälden dieser Zeit spielt sie eine wichtige Rolle, um das Gemalte zu „beschreiben“.
In den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts war der Dada-Künstler Kurt Schwitters mit seinen MERZ-Bildern vielleicht derjenige, welcher die Schrift für die bildende Kunst wiederentdeckte.
Wir finden sie dann allenthalben. Bei Picabia und den Surrealisten jeglicher Provenienz. Der eigentliche Auslöser wieder Schrift zu verwenden war für mich jedoch nicht die Reflexion Kunst anderer Hand sondern meine „Schilderentdeckung“ auf einer karibischen Insel die mich an meinen erlernten Beruf denken lies.
Das Diesseitige im unteren Teil der „Baltic Sea“ Bilder, dem Strand, versuche ich hier und da zu persiflieren und dem Ganzen eine erzählerische Note zu geben, obwohl der Mensch abwesend ist und nur seine Hinterlassenschaften zu sehen sind. Hinter dem Ufer dann ist aber Schluss. Wasser und Himmel kann er nicht verformen. Seelandschaften Baltic Sea sind und werden eventuell auch weiterhin entstehen.
Übrigens:
„Zwei Männer, den Mond betrachtend“ (Caspar David Friedrich) sind genug. Werden es mehr, ist alles dahin.
Das Paradigma der Urlandschaft hat seine Gültigkeit ohnehin längst verloren. Die Sehnsucht danach überlasse ich in diesen Bildern Himmel und Meer.