Maria Matios „Darina die Süße“ sollte man lesen

Große ukrainische Literatur !

Nachdem ich von der Sabuschko das „Museum der vergessenen Geheimnisse“ gelesen hatte, fiel mir letztens „Darina die Süße“ in die Hände. Begierig aber auch mit ein wenig Angst schlug ich das Buch auf, weil man so manchesmal enttäuscht ist, wenn man ein ähnliches Ereignis erwartet wie bei der ersten Begegnung mit der Literatur eines Landes das man bis dato nicht im Fokus hatte.

Sind die ersten 10 Seiten gelesen, befindet man sich mitten im ukrainischen Dorf. In einem, welches wohl Tausenden gleicht und die Menschen scheint man geradezu vor sich zu sehen. Ja ich rieche. Die Tiere, das Stroh und die saftig fette Erde. Es wird gesoffen, Ferkel angestochen und in den Teich geschmissen. Andere üble, nicht nur Späße, werden auch begangen. Darina, von der alle dachten sie sei schwachsinnig, weil sie nicht redete und sich auch nicht der Norm entsprechend benahm, hatte einfach keine Lust mit Menschen zu sprechen und würde bei uns und heute durchaus als Performancekünstlerin durchgehen. Am Grab ihres Vaters aber, dem sie Speis und Trank brachte, den sie ich vom Munde absparte, da redete sie. Eine Innigkeit wird da beschrieben, die mich an Drenka und Sabbath aus Philip Roths „Sabbaths Theater“ erinnert. Freilich unter entgegengesetzten Vorzeichen und nur von der Liebe zum Vater geprägt aber doch mit einer ähnlichen Bilderwucht beschrieben.

Dann hat sie den Iwan gefunden, den Maultrommelbauer, der plötzlich bei ihr wohnt. Irgendwie ein Hippi Pärchen zur falschen Zeit und im Grenzland zur Bukowina, einem der Landstriche dem wohl die Geschichte mit ihren Brutalitäten am ärgsten zugesetzt hat. Die Österreicher und die Rumänen besetzten es. Dann fielen die Sowjetkozis über das Land her und segneten es mit den kommunistisch-widerlichen Errungenschaften. Einer perfiden, menschenverachteten Zukunftsvision. Die Schriftstellerin lässt das Klima der verschiedenen Aggressionen sehr behutsam in die Geschichte einfließen. Bäuerlich derb ist die Handlung beschrieben. Man sieht einen russischen Breughel vor sich und tauch in diese Welt ein ohne sich fremd vorzukommen.

Es sei allen angeraten, die etwas über ein Land erfahren wollen, seine Literatur zu lesen. Dies sollte für Politiker verpflichtend sein! Denn Mentalitäten und kulturelle Besonderheiten transportiert im besonderen Maße eine erzählte Geschichte. So könnten Fehleischätzungen und große Irrtümer vermieden werden. Auch könnte man begreifen, dass wir nicht das selig machende Heil in die Welt bringen können und andere Länder wohl oder übel ihren eigenen Weg gehen müssen. Nicht jeder wird dieselbe fade Suppe löffeln wollen. Unser vorwiegend ökonomisches Interesse an anderen Völkern und ihren Ressourcen bringt ohnehin mehr Übel als Segen!