Ein historischer Roman erzählt von heute.

Roman von Renate Feyl | Lichter setzen über grellem Grund.
Über das Leben der Malerin Marie Louise Elisabeth Vigée-Lebrun.

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass aktuelle deutsche Literatur belehrend daherkommt.

Es ist nicht verwerflich, wenn Wissen vermittelt wird. Wird ein Roman jedoch zu einer wissenschaftlichen Abhandlung, verliere ich schnell die Lust. Renate Feyl bringt es fertig, äußerst kenntnisreich über Malerei und Kunstszene der vorrevolutionären und revolutionären Zeit Frankreichs zu berichten und das Literarische dabei nicht zu vergessen. Ohne Zweifel hat sich die Schriftstellerin tief in die Materie eingearbeitet und schildert zum Beispiel die Herstellung von Pigmenten so anschaulich, dass nicht nur Bilder im Kopf entstehen. Durch ihr Können diesen Vorgängen eine literarische Form zu geben, wird es eben nicht langweilig, sondern man riecht und sieht förmlich, wie dieser alchemistische Prozess abläuft. Mumie echt, ein Pigment aus zermahlenen Mumien, ist keine literarische Erfindung, wie man denken könnte. Der Vater eines Malerfreundes, selbst Maler, besaß eine solche Tube.

Wir durften ihm über die Schulter schauen, als er ein erbsengroßes Stück dieser Mumienfarbe lasierend auf einer Leinwand verteilte und das außergewöhnliche Ergebnis bewundern. Mensch pigmentiert und lasiert. Die Tube war für ihn wie ein Heiligtum, ein Schatz von großer Güte.

Da ich das Handwerk einst selber gelernt habe und mich einige Jahre auf dem Kunstmarkt bewege, war diese Geschichte der Malerin insofern überraschend, da sie mir aktuell vorkam.

Die Kunstszene dieser Zeit ist ein nicht unwichtiger Nebenschauplatz des Romans. Sehr fein auch die Beschreibung dessen, was unvergänglich ist. Neid und Missgunst. Wie ein Hype entsteht. Also aktuell wie heute.

Die Schriftstellerin lässt ihre Heldin, die Malerin Marie Louise Elisabeth Vigée-Lebrun auf die Bemerkung von Herrn Lebrun, einem Kunsthändler und Ihrem späteren Ehemann – „Sie haben ja schon einen Feind“ – antworten: „Das stört mich nicht. Besser eine negative Wahrnehmung als gar keine Wahrnehmung. Um richtig berühmt zu werden, braucht es ohnehin den Eklat. Bilder mit Paukenschlag, Sie wissen schon. Knall und Krach und ordentlich Skandal.“

Vigée-Lebrun porträtierte die Oberschicht ihrer Zeit. Ihre Karriere begann furios – und so ging es weiter.

Alle, letztlich auch Marie Antoinette, wollten von der Vigée-Lebrun porträtiert werden. Erstaunlich für mich in dieser Zeit und doch folgerichtig sind die Diskussionen über Auftragskunst. Eine Diskussion, die wohl in der vorrevolutionären Zeit Fahrt aufnahm und bis in unsere Tage geführt wird. Kanzlerbilder zu malen ist heute nicht mehr das Ziel. Marktgerechte Bilder zu produzieren jedoch (fast) überlebensnotwendig.

Der kritische Geist unter den Feuilletonisten, Eduard Beaucamp schreibt in seinem Buch „Der verstrickte Künstler-wieder die Legende von der unbefleckten Avantgarde“ kenntnisreich über dieses ewig währende Thema von Macht, Anpassung und Kunst.

Ich schweife ab. Der Roman erzählt nicht nur, wie Marie Louise Elisabeth Vigée-Lebrun eine berühmte Künstlerin wurde, in den Wirren der Französischen Revolution das Land verlassen musste, bis sie rehabilitiert und triumphal nach Paris zurückkehrte. Auf Ihrem Weg über Italien, Österreich, Russland und Deutschland hatte sie sofortigen Zugang zu den Fürstenhäusern und war selber Malerfürstin. Porträtierte ohne Unterlass und hatte einen Kopisten an ihrer Seite, der diese Porträts vervielfältigte. All dies nicht nur erstaunlich, sondern auch gut und atmosphärisch beschrieben. Zumal sie auch versteht, sich in den intensiven Prozess des Malens einzufühlen.

Der Roman erzählt – wie an einem roten Faden entlang – eine Geschichte, die mir unwahrscheinlich vorkam.

Ohne das Wort Emanzipation auch nur andeutungsweise zu verwenden, berichtet Renate Feyl über eine emanzipierte Frau, die neben Angelika Kaufmann die berühmteste Malerin Europas war. Beschrieben wird nicht nur ihre Leidenschaft als Malerin. Die kompromisslose Intensität, mit der sie dieses Handwerk betreibt. Es tönt nicht die Klage über männliche Dominanz. Die Vigée-Lebrun setzt sich mit Beharrungsvermögen und nicht zuletzt wegen ihrer grandiosen Malerei gegen alle Widerstände durch. Nebenbei ist sie eine geniale Geschäftsfrau. Nicht verbissen, jedoch mit einem gewissen Maß an Skrupellosigkeit auf dieser wohl fast jeder Erfolg beruht. Sie will hoch hinaus und tut alles dafür. In diesem Roman wird auch über Reichtum und Kunst berichtet. Über den Lieblingsmaler der Pompadour Boucher, der seinen Töchtern ein riesiges Vermögen hinterlassen hat. Über Villen, livriertes Personal, den eigenen Park, Köche und dergleichen mehr. Also über Malerfürsten wie zu jeder Zeit.

Freilich ist ein Roman eine Erzählung.

Wenn es jedoch wirklich überliefert ist, dass Vigée-Lebrun den Auftrag für ein Papstgemälde nicht annahm, weil sie verschleiert zu erscheinen hatte, ist sie, obwohl Porträtistin der oberen Klasse, für diese und unsere Zeit nicht nur als Frau emanzipiert zu nennen.

Ein Roman, der historisch ist und doch von uns erzählt.