Rauchende Frauen in der Kunst – zwischen Selbstbestimmung und Inszenierung
ÜBER DEN AUTOR: THOMAS GATZEMEIER
Eine Frau sitzt in einer Badewanne, hält eine Zigarre und scheint sich um den Rest der Welt vorübergehend nicht zu kümmern. Hinter ihr ziehen Wolken auf. Der Schaum steht gut. Die Wanne hat ihre besten Jahre offenbar hinter sich, was ihrem gegenwärtigen Nutzen keinen Abbruch tut aber auch auf die Vergänglichkeit hinweisen kann.
Horst Kistners Fotografie „Ceci n’est pas une pipe“ von 2025 könnte man als ausgesprochen eigenwillige Form der Erholung betrachten.
Doch sobald eine Frau eine Zigarre in die Hand nimmt, meldet sich die Kulturgeschichte. Sie hat Fragen. Zum Anstand, zur Weiblichkeit, zum Genuss und selbstverständlich dazu, wer sich das alles erlauben darf.
Und nicht zuletzt auf unsere Vergangenheit „Die deutsche Frau raucht nicht!“ wurde der Frau im Nationalsozialismus gerecht.
Die Volksgebärmaschine sollte die Freiheiten der 20er Jahre vergessen machen. Ob es einen Bezug zu unserer Zeit gibt wird sich zeigen. Die Nacktheit in der Kunst ist ja schon weitestgehend ausgemerzt.
Rauchende Frauen in der Kunst sind ein ergiebiges Thema, weil ein unscheinbarer Gegenstand erstaunlich viele Erwartungen sichtbar macht. Eine Zigarette kann lässig wirken, herausfordernd, nachdenklich oder einfach beiläufig. Entscheidend ist, wer sie hält, wer das Bild macht und mit welchen Vorstellungen wir davorstehen. Ein wenig verbrennender Tabak kann sehr viel über die Zeit erzählen.
Die Zigarette erklärt noch keinen Menschen
Es wäre verlockend, alle rauchenden Frauen der Kunstgeschichte zu einer großen Emanzipationsversammlung einzuladen. Man müsste lediglich genügend Aschenbecher bereitstellen. Kunsthistorisch wäre das allerdings etwas bequem.
Zwischen einer gemalten Cafébesucherin des 19. Jahrhunderts, einer Fotografin im Selbstporträt und einem Modell in einer Modeaufnahme liegen unterschiedliche Lebensumstände und Bildabsichten. Eine dargestellte Geste kann selbst gewählt, vom Künstler vorgeschlagen oder für einen bestimmten Markt inszeniert sein.
Deshalb lohnt sich eine Unterscheidung: Was sehen wir tatsächlich? Was wissen wir über die Entstehung? Und was tragen wir selbst an Bedeutung hinein? Gerade beim Thema der selbstbewussten Frau werden diese drei Ebenen gern zu einem einzigen schönen Satz zusammengezogen.
Édouard Manet: Eine Frau sitzt im Café. Das muss vorerst genügen. Die rauchenden Frauen in der Kunst kommen früher ins Bild als man denkt.
In Édouard Manets „Plum Brandy“, auch „La Prune“ genannt, um 1877, sitzt eine Frau an einem Marmortisch. Vor ihr steht ein Glas mit einer eingelegten Pflaume – oder was sehen Sie ? Die junge Frau stützt den Kopf auf eine Hand; in der anderen hält sie eine Zigarette.
Der Blick geht ins Unbestimmte. Für mich liegt der Reiz dieser Szene gerade darin, dass sie keine eindeutige Geschichte liefert. Wartet die Frau? Ruht sie sich aus? Ist sie gelangweilt oder gedanklich längst anderswo?
Das Bild lässt solche Fragen zu. Ihre soziale Stellung oder ihren Beruf können wir aus dem Glas und der Zigarette allein jedoch nicht ablesen. Manet malt einen Augenblick, und der Betrachter möchte am liebsten gleich einen Lebenslauf dazu.
Noch deutlicher wird das bei „Woman with a Cigarette“, um 1878–1880. Die Frau hält eine Hand an der Hüfte, stützt den Kopf auf die andere und hat eine Zigarette zwischen den Lippen.
Das Gemälde wurde zu Manets Lebzeiten weder ausgestellt noch betitelt. Spätere Bezeichnungen versuchten wiederholt, die unbekannte Frau einer ethnischen oder gesellschaftlichen Gruppe zuzuordnen. Das Princeton University Art Museum gab ihm 2023 den heutigen Titel, weil ihre Identität unsicher ist und die frühere Benennung abwertend war.
Daran lässt sich viel lernen. Mitunter erzählt die Beschriftung unter einem Bild ebenso viel über diejenigen, die beschriften, wie über die dargestellte Person. Die Frau raucht. Die Nachwelt sortiert und wertet.
Germaine Krull: Die Frau macht das Bild selbst
Mit Germaine Krulls „Selbstporträt mit Zigarette“ von 1925 verändert sich die Situation. Hier tritt eine Fotografin mit Kamera und Zigarette auf. Sie ist zugleich Urheberin und Gegenstand des Bildes.
Das ist für unsere Betrachtung wesentlich. Wir schauen einer Frau zu, die ihre eigene Sichtbarkeit gestaltet. Die Kamera steht für ihre Tätigkeit; die Zigarette gehört zu der Erscheinung, die sie uns zeigt.
Man kann darin eine selbstbewusste professionelle Identität erkennen. Jedenfalls muss Krull nicht darauf warten, dass ein Maler ihr eine passende Rolle zuweist. Sie hat ein eigenes Gerät dafür. Es geht auch hier um das Thema “Künstlerinnen eignen sich ihr Selbstbild an.
Auch ein Selbstporträt ist selbstverständlich eine Inszenierung. Es verschiebt aber die Frage nach der Entscheidungsmacht: Die Dargestellte bestimmt hier selbst über das Bild, das von ihr entsteht.
Otto Dix: Sylvia von Harden braucht keine gefällige Pose
Ein Jahr später malt Otto Dix das „Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden“, 1926. Monokel, Zigarette, kariertes Kleid und Cafétisch gehören zu einer Erscheinung, die sich den Erwartungen an ein schmeichelndes Damenporträt entzieht.
Die Journalistin erscheint als Intellektuelle im öffentlichen Raum. Das Centre Pompidou verortet das Bild im Zusammenhang der emanzipierten Frau der 1920er-Jahre und betont zugleich den satirischen Blick des Malers. Dix liefert also kein ungebrochenes Werbeplakat für die moderne Frau.
Gerade diese Spannung macht das Porträt interessant. Die Zigarette ist eines ihrer Attribute, zusammen mit Kleidung, Haltung und Monokel. Sie trägt zur sozialen Lesbarkeit bei, ohne die Person vollständig zu erklären.
Sylvia von Harden sitzt da, und wir müssen mit ihrer Anwesenheit zurechtkommen. Ob sie uns gefällt, wirkt wie eine nachgeordnete Frage. Ganz frei von der scharfen Prüfung durch den Maler ist sie dennoch nicht. Auf jeden Fall bleibt sie uns in Erinnerung.
Christian Schad: Die „Neue Frau“ und ihr rätselhafter Schatten
Christian Schads „Sonja“ von 1928 gehört ebenfalls zu den markanten Frauenbildern der Neuen Sachlichkeit. Kurzes Haar, dunkles Kleid, Zigarettenspitze und die Gegenstände auf dem Tisch verweisen auf eine urbane Lebenswelt.
Das Minneapolis Institute of Art beschreibt die Figur im Zusammenhang der „Neuen Frau“: eines modernen Frauenbildes, das berufliche und gesellschaftliche Eigenständigkeit mit neuen Formen des Auftretens verband. Zugleich wirkt Sonja distanziert. Freiheit und großstädtische Vereinzelung können in diesem Bild nebeneinander bestehen.
Selbstbewusstsein muss demnach keineswegs mit einem strahlenden Gesicht einhergehen. Man darf unabhängig sein und trotzdem einen mäßigen Abend haben.
Im selben Jahr entsteht Schads „Porträt des Dr. Haustein“. Hier ist die rauchende Frau nur als Schatten an der Wand gegenwärtig. Das Museo Thyssen-Bornemisza erläutert, dass Schad diesen Schatten als den einer Frau namens Sonja bezeichnete, mit der Haustein eine Beziehung hatte.
Eine Zigarette genügt nun, um eine abwesende Person kenntlich zu machen. Der Schatten lässt sich als beunruhigende Präsenz lesen: etwas, das im Raum steht, obwohl es nicht offen ausgesprochen wird. Das Motiv führt damit über demonstrative Unabhängigkeit hinaus zu Beziehungen, Geheimnissen und Projektionen.
Diane Arbus: Die Zigarre macht noch keine Heldin
Diane Arbus fotografiert 1963 „Woman at a counter smoking, N.Y.C.“. Zwei Jahre später entsteht „Girl with a cigar in Washington Square Park, N.Y.C.“.
Schon die Gegenüberstellung der Titel ist aufschlussreich. Einmal wird eine alltägliche Tätigkeit an einem Tresen benannt, einmal rückt die Zigarre ausdrücklich in die Bezeichnung der Person. Bei beiden Arbeiten hält der Titel Ort und Situation fest, ohne daraus ein Manifest zu machen.
Wir können nach Selbstbehauptung und Rollenbildern fragen. Wir sollten dabei aber nicht jede fotografierte Person nachträglich zur Botschafterin unserer Lieblingsidee ernennen. Eine Zigarre kann eine bewusste Geste sein. Sie kann auch zunächst einmal eine Zigarre sein. Die Person dahinter bleibt größer als das Accessoire.
Helmut Newton: Selbstbewusstsein lässt sich auch inszenieren
Bei Helmut Newtons „Rue Aubriot“ von 1975 wird das Auftreten der Frau zur sorgfältig gestalteten Szene. Die Newton Foundation dokumentiert die Entstehung der berühmten Modeaufnahme für die französische Vogue.
Die Frau im dunklen Hosenanzug, die Zigarette und die nächtliche Pariser Straße verbinden Eleganz mit einer Haltung, die traditionell männliche Erscheinungsformen aufgreift. Zu der Bildgruppe gehört auch eine Fassung mit einem zweiten, unbekleideten Modell.
Hier lohnt es sich, die Frage nach Selbstbestimmung offenzuhalten. Das Bild kann Unabhängigkeit ausstrahlen und zugleich eine ausgearbeitete Vorstellung davon anbieten, wie eine unabhängige Frau auszusehen habe.
Die Modefotografie hat für diesen Widerspruch viel Platz. Sie verkauft schließlich auch Erscheinungsformen. Die Zigarette wird zum Teil einer Bildsprache, in der Haltung, Kleidung, Licht und Begehren zusammenwirken.
Horst Kistner: Ein Schaumbad außerhalb der Zuständigkeit
Vor diesem Hintergrund bekommt Horst Kistners „Ceci n’est pas une pipe“ von 2025 seinen eigenen Platz.
Die Frau sitzt in einer alten Badewanne vor blauem Wolkenhimmel. Ihr Blick ist gesenkt. Sie scheint weder zu provozieren noch, um Zustimmung zu werben. In der erhobenen Hand hält sie die Zigarre, während der andere Arm auf dem Wannenrand ruht.
Ich lese darin eine gelassene Form der Selbstbestimmung. Die Frau muss niemandem vorführen, wie unabhängig sie ist. Sie hat sich offenbar gerade etwas anderes vorgenommen und wir sind ihr herzlich egal.
Dabei bleibt auch dieses Bild eine von einem Fotografen gestaltete Szene. Die Deutung als selbstbewusste Frau ist eine Möglichkeit, keine Auskunft über die Gedanken des Modells. Gerade der Vergleich mit Krull und Lucas hilft, diesen Unterschied im Blick zu behalten.
Kistners Besonderheit liegt zudem in der Verbindung von Rauch, Wolken und Schaum. Drei flüchtige Erscheinungen begegnen sich, während die rissige Wanne handfest von Gebrauch und Alter erzählt. Darin lässt sich ein leiser Hinweis auf Vergänglichkeit entdecken: Der Moment ist angenehm, aber er wird nicht bleiben. Der Schaum weiß das bereits.
Magrittes Pfeife und die Freiheit, einem Bild zu misstrauen
Der Titel führt zu René Magrittes „La trahison des images“ von 1929. Unter einer gemalten Pfeife steht der Satz „Ceci n’est pas une pipe“: Dies ist keine Pfeife.
Magritte trennt Gegenstand, Darstellung und Bezeichnung. Die gemalte Pfeife lässt sich nicht stopfen und rauchen. Der vermeintliche Widerspruch entsteht, weil wir im Alltag das Bild und das abgebildete Ding sprachlich gern gleichsetzen.
Kistners Titel erlaubt eine zusätzliche Pointe: Seine Frau hält tatsächlich keine Pfeife, sondern eine Zigarre. Und auch diese erreichen wir nur als Bild.
Damit öffnet sich die Frage nach dem Wirklichen erneut. Eine Fotografie kann die Oberflächen der Dinge genau wiedergeben und dennoch eine Welt entwerfen, in der Badewanne und Wolkenhimmel auf höchst ungewöhnliche Weise zusammenfinden. Der surreale Eindruck entsteht aus der Anordnung vertrauter Dinge.
Magrittes Gedanke ist deshalb auch eine brauchbare Erinnerung für unsere Bildbetrachtung: Eine dargestellte selbstbewusste Frau und die wirkliche Person sind nicht dasselbe. Wir sehen eine Inszenierung und entwickeln eine Lesart. Gute Bilder halten weitere Möglichkeiten offen.
Vielleicht ist das Schönste an Kistners Badender, dass sie unsere ganze kunsthistorische Untersuchung nicht zu benötigen scheint. Wir haben Manet, Dix, Schad und Magritte bemüht. Sie sitzt noch immer in der Wanne.
Und hat uns nicht um Erlaubnis gefragt.
















