Die Rückseite eines Gemäldes – Prozess und Entscheidung
Man sieht einem Gemälde nicht an, wie lange dessen Entstehungsprozess gedauert hat. Die Vorderseite behauptet etwas: Sie ist entschieden, geschlossen, sichtbar.
Verdichtung und Widerstand
Dreht man das Bild jedoch um, beginnt eine andere Erzählung. Auf der Rückseite liegen keine Formen, sondern Spuren. Daten, Pfeile, Notizen. Keine Inszenierung – eher ein Protokoll.
Die Figur entstand aus einer dichten, pastosen Malerei. Schichten überlagern sich, werden aufgebrochen, neu gesetzt. Nichts ist glatt. Die Gestalt hält sich – gegen die Farbe, aus der sie gemacht ist. Es scheint ein Kampf mit der Farbmaterie zu sein, der letztendlich zu einem Stillstand kommt.
Mehrere Datierungen stehen übereinander. Zahlen in verschiedenen Farben, als hätte ich willkürlich in den Kasten mit Ölpastellstiften gegriffen. So war es wohl auch, denn es sind private Notate die für mich einen Prozess dokumentierten. Das Bild wurde gedreht, neu angesetzt, weitergeführt. Es ist gewachsen. Erst die Signatur beendet den Prozess.
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Unterbrechung und Wiederaufnahme
Die Malerei ist offener. Figur und landschaftliche Elemente bleiben in der Schwebe. Linien, Flächen, Andeutungen – nichts wird festgelegt.
„WEIDE + FIGUR“ steht dort. Klar gesetzte Buchstaben hinter freier Malerei. Und ein weiteres Mal entdeckt man wie sich das Bild im Laufe des Malprozesses bewegte. Das durchgeschlagene Öl und die Typografie formt ein eigenes Bild hinter dem Bild.
Orientierung als Entscheidung
Das Bild hat keine eindeutige Richtung. Es ließe sich drehen, ohne an Spannung zu verlieren. Orientierung ist hier nicht gegeben. Es galt lediglich mit Farbmaterie Raum zu schaffen. Die Fläche zu durchbrechen und Bewegung zu schaffen. Und doch kann man stundenlang in der Malerei verweilen.
Verso – also aus der Rückseite dieses Gemäldes – steht: „oben“. Ein Pfeil setzt die Richtung. Ringsherum: Datierungen aus mehreren Arbeitsmomenten, teils unterschiedlich ausgerichtet. Die Signatur war schon gesetzt bevor ich die endgültige Entscheidung traf.
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Konzentration und Reduktion
Körperfragmente, ruhig gesetzt. Arme, Beine, Rumpf – voneinander getrennt, aber aufeinander bezogen. Keine vollständige Figur, kein erzählerischer Zusammenhang. Leiber im Raum. Ein Thema welches mich einige Zeit begleitete und in immer neuen Formen interpretiert wurde.
Der Titel „Aus dem Kontext“ ist notiert. Darunter die Signatur und eine Zahl (24) von der ich nicht weiß, wozu sie diente. Die Datierungen liegen eng beieinander: Juni bis Juli 2002.
Eine konzentrierte Arbeitsphase. Keine Unterbrechung, kein Richtungswechsel. Und doch zeigt die Datierung: Auch hier war anderes möglich.
Das Bild entscheidet sich – und lässt zugleich Möglichkeiten zurück. Es malt. Dies ist eine andere Dimension. Und Rückseite eines Gemäldes kann ein wenig Licht ins Dunkel bringen.
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Titel als Teil des Prozesses
Massive Malerei. Farbe wird Material. Eine Figur ist nur zu erahnen. Das Bild verweigert klare Lesbarkeit. Es ist ein Strudel in der Zeit und bindet den Blick ohne ihm Halt zu bieten. Und doch schaut Voltaire aus der Farbschichtung und blickt uns fragend an.
Meine Künste des Bespannens von Leinwänden halten sich in Grenzen – zumindest was die Rückansicht anbetrifft. Verso steht geschrieben: „Porträt eines Philosophen“. Der Titel gehört hier nicht zum Abschluss, sondern zum Prozess des Sehens. Denn ich machte mir nach der Fertigstellung ein Bild vom Bild.
Datierungen, Überlagerungen, Richtungswechsel. Das Bild erfüllt seinen Titel nicht – es arbeitet an ihm. Die Rückseite eines Gemäldes ist ein Dokument der Entstehung.
Die Rückseite ist näher am Bild als man glaubt
Die Rückseite eines Gemäldes ist kein Nebenraum. Nicht aus dem Bild – aus dem Sinn Sie ist Teil des Werkes.
Hier findet sich keine Behauptung, sondern Bewegung. Keine Form, sondern Zeit.
Die Vorderseite zeigt, was ein Bild ist. Die Rückseite zeigt, wie es geworden ist.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Sie verbirgt weniger, als sie etwas Intimes verrät.
Nicht umsonst gewährt auch ein Museum den Blick auf die Rückseite ihrer Gemälde. Ich beschrieb dies in dem Text: Vice versa – stellt die Rückseite in den Mittelpunkt.






















