Vice Versa stellt die Rückseite in den Vordergrund

Als alter Skeptiker dachte ich, man versuche mit allen Mitteln, und nun auch noch mit den rückseitigen Ansichten der Gemälde, Aufmerksamkeit zu erheischen. Ich musste umgehend Abbitte leisten.

Vice Versa ist eine hintersinnige Ausstellung im Städel und nicht nur das.

 
Die Ausstellung Vice Versa zeigt eindrücklich, was Kunst eigentlich ist. Ein Handwerk. Da wir ja durchaus der Vergötterung von Bildwerken erliegen können, ist diese Präsentation aufklärerisch und lässt uns Gemälde endlich in einem anderen Licht erscheinen. Freilich hätte ich gern hinter einen Raffael geschaut. Aber es wäre zu viel verlangt, solch ein Bild mit seiner „schönen“ Seite gegen die Wand schauen zu lassen, nur um ihn von hinten betrachten können.

Interessant zu sehen, welch verschiedene Materialien als Bildträger dienten, bevor die eigentlich zu fragile Leinwand das Rennen machte.

 
Leichtbau hat letztendlich auch in der Malerei gesiegt, obwohl dieser mit einigen Nachteilen behaftet ist. Holz ist auf andere Art ein schwieriges Material. Nicht nur schwer, es arbeitet auch noch unablässig und neigt bei Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen dazu Risse zu bilden und sich mordsmäßig zu verziehen.

Es gibt Bilder, auf deren Rückseiten nicht nur Verstrebungen zu sehen sind, sondern ein regelrechtes Parkett um ein Verziehen des „Gemäldeträgers“ zu verhindern.

 
Der Stein als Material der Wahl liegt da schon näher, hat aber durch sein Gewicht einen – im Sinne des Wortes – zu schweren Nachteil. Schiefer ist sehr dunkel und muss mehrfach grundiert werden. Marmor kann ich mir schon eher vorstellen. Beide Steine sind als Tafeln, für die gemeinhin Flachware genannte Malerei, jedoch zu zerbrechlich und noch schwerer als Holz, wenn sie denn eine gewisse Stärke aufweisen, welche zur Stabilisierung notwendig ist. Denn Marmor, Stein und Eisen bricht, nur die Liebe zu Malerei tut es nicht.

Auch Kupfer als Bildträger ist in der Ausstellung Vice Versa vertreten. Hab es jedoch leider nicht dokumentiert. Dies wäre mir persönlich das sympathischste Material.

 
Es verzieht sich nicht und ist ausgesprochen stabil. Größere Formate mit diesem Material auszuführen wird jedoch schwierig. Einerseits verbiegen sich allzu große Kupferplatten und die Herstellung ist auf ein bestimmtes Format begrenzt.
 

Auch die Leinwand hat viele Nachteile. Sie wird schnell feucht und die Grundierung kann sich lösen. Bild kaputt.

 
Nicht nur spitze Gegenstände zerstoßen diesen textilen Bildträger. Auch beim unachtsamen Transport kann ein Druck von hinten die Malschicht schwer beschädigen. Es bilden sich Risse und es kann zu Abplatzungen kommen. Außerdem unterliegt Gewebe, wie auch wir, einem natürlichen Alterungsprozess. Letztendlich zerfällt es zu Staub. Also muss alle paar Hundert Jahre eine Doublierleinwand auf die Rückseite des Gemäldes aufgebracht werden, um es von hinten zu stabilisieren.

Bevor die arme, marode Leinwand überklebt wird, sieht sie erst noch mal richtig gut aus. Ungefähr wie ein echter Antoni Tàpies.

 
Von da kommt meine innige Beziehung zu abgelösten Doublierleinwänden. Denn wenn die doublierte Leinwand wiederum das Zeitliche gesegnet hat, wird sie vorsichtig abgelöst und durch eine neue, jungfräuliche ersetzt.
 
Die abgenommenen Leinwände haben Stockflecken, durchgeschlagene Klebstoffe, fein eingedrungenen Staub und eventuell auch einen netten Schimmelbefall, der sie ausgesprochen attraktiv macht.
 
Das ist eine gute Grundlage für die weitere Verwendung. Sie werden einem nachhaltigen Kunstrecycling zugeführt. Mit meinem, leider zu früh verstorbenen Freund und Restaurator Paul Uwe Dietzsch habe ich derartige Leinwände zu neuem Leben erweckt. Diese neu bemalten, alten Leinwände altern zurzeit ebenfalls. Und so schließt sich niemals der Kreis.
Gatzemeier - p.u.d. 1989 Köpfe Rötel und Pastell auf Leinwand

Paul hatte immer wieder Altargemälde zum Restaurieren in seinem Atelier, also bekamen wir solche alten, abgenommenen Doublierleinwände gratis und zu jeder Zeit.

Entweder Müll oder Kunst ist dann die Frage. Wir entschieden uns für Kunst und sie wurden Teil unseres Projektes „In Spirit of Rubens“. So schloss sich der Kreis dann doch. Wir benutzten altes, beschädigtes und mit kunsthistorischer Vergangenheit Beladenes und schufen Neues daraus, dass sich nun schon wieder 27 Jahre in der Schleife der fortdauernden Alterung befindet. In unserer neuen Zeitrechnung also uralt ist.

Gatzemeier - p.u.d. 1989 Sturz I Rötel und Pastell auf Leinwand

Ich überlege es mit Kupfer zu probieren. Es reizt mich ungemein. Dank für diese Ausstellung du altes Städel.

Einen nicht anekdotischen, sondern seriös wissenschaftlichen Text, können Sie zur Ausstellung Vice Versa auf dem ausgesprochen guten Blog des Städel lesen. Die Rückseiten von Gemälden – Hintersinnig.