17. Transamazonas – Santarém

Delta des Amazonas

17. Transamazonas – Santarém – da wo der Piranha wohnt.

Es stimmt schon dass ich ein wenig nachlässig bin, was die Vorbereitung meiner Reisen anbetrifft. Eigentlich bin ich ein Reisemuffel und rutsche aus Versehen da rein – in die Reisen.
Sie haben ja meist etwas mit meinem Beruf zu tun und sind nicht zu verhindern. Das eine Mal muss ich unbedingt bestimmte Kunstwerke sehen und die entsprechenden Landschaften dazu. Ein anderes Mal fragt mich jemand, ob ich eine Segeljacht von da nach dort mit überführen würde. Man hilft ja gern und so kommt man raus aus dem Atelier.

In letzter Zeit bekomme ich verlockende Angebote, die mich in die Welt und an Orte führen, an die ich weder dachte, geschweige denn vor hatte sie zu besuchen.

Italia immer wieder, denn da sind ja die aufregendsten Kunstwerke zu finden. Paris auch. Aber Santarém! Wo liegt das eigentlich?

Brand im Regenwald des Amazonas

Manchmal jedoch muss ich mich mörderisch aufregen. Zum Beispiel wenn ich vom Schiff auf dem Amazonas aus Brände im Regenwald sehe. Dann wird man auch sehr nachdenklich. Ist es richtig, dass ich hier bin, wo ich bin?

Der Amazonas ist 6448 km lang. Das fand ich heraus, als von einem Seetag auf dem Fluss die Rede war.

Ein Seetag mitten in Brasilien und auf einem Fluss. Im Wortschatz der christlichen Seefahrt ist diese außergewöhnliche Situation nicht vorgesehen. Der Kapitän kapituliert. Flusstag gibt es auf einem Hochseeschiff nicht. Da kann kommen, was will. Basta!

Und da ich auf der AIDAvita bin, um das Publikum während der Seetage bei Laune zu halten, ihnen also meine Geschichten vorzulesen, hatte ich meine Seelesung auf dem Fluss.

Und die Öffnungszeiten der Galerie waren auch wie auf hoher See. Nur der Pernod verhielt sich verdächtig ruhig im Glas. Keine Schwankung des Getränkespiegels hin und her. Nur die Eiswürfel wurden immer sichtbarer und dann war die milchige Flüssigkeit weg. Rechts und links sah man das Ufer ungefähr so weit entfernt wie von der Mitte des Bodensees aus.
Kapitäne haben dem Publikum hin und wieder etwas zu sagen.

Zum Beispiel, wo das Schiff sich zur Zeit befindet. Wie schrecklich tief das Meer da ist und manchmal beruhigen sie die Urlauber auch, wenn sie wegen der schrecklichen Piraten im arabischen Meer nicht einschlafen können. Erst dachte ich, er warnt vor Indianern. Dem war aber nicht so. Er meinte, es sei angebracht die Balkontüren zu schließen, sonst hätten die Gäste am kommenden Morgen einige Hundert oder gar tausend tierische Mitbewohner. Das angesagte Volleyballspiel fiel aus, weil die Invasoren das hell beleuchtete Sonnendeck schon eingenommen hatten. Meine Freude war besonders groß, da die lästige Musikdampferbeleuchtung, wegen des Luftangriffs, auf ein Minimum reduziert wurde.

Mein Schiff, mein Balkon, mein kühler Weiswein, mein Himmel – endlich auch meine Sterne!

Übrigens sind hier die Käfer viel größer als bei uns. Schmetterlinge bedecken lässig einen Handteller. Manche gar einen Suppenteller.

Am Abend an der Anegestelle von Santarém

Als wir eines Abends ankamen, hatten wir von Belém nach Santarém schlappe 1313 Kilometer zurückgelegt. Kein Wunder, dass hierzulande die Passagierschiffe grundsätzlich mit Hängematten unterwegs sind. Also, jeder hat eine dabei und hängt sie auf. Das sind keine sozialen Hängematten. Sie sind einfach notwendig. Da Brasilien noch nicht in der EU ist, kann denen wohl der Export von Para-Nüssen untersagt werden, aber um ihre Hängematten müssen sich die Menschen noch keine Sorgen machen. Bei uns sähe das anders aus. Da kann man arm werden und darf noch nicht einmal rauchen. Man stelle sich vor – rauchende Menschen in Hängematten unter den Brücken.

Runter sind wir vom Schiff, als es anlegte, und rein in die Stadt. Das Leben brandete über die Straßen und ich hatte meinen Fotoapparat vergessen, sonst könnte ich ihnen das zeigen, was man nur schlecht beschreiben kann.

Mein Fotoapparat ist besonders empfindlich – was seine Wahrnehmung anbetrifft. Was die Brasilianerinen anbetrifft, ist ja bekannt, dass sie zum Beispiel eine sehr schöne Haut haben und das sie in den Hüften besonders beweglich sind. Die Männer hat Gott – passend dazu – an den Fluss gestellt. Dort treffen sie sich dann. Mann und Weib. Kurz. Eine so sinnlich aufgeladene Stimmung wie auf diesen Straßen habe ich noch nicht erlebt. Ich denke mir, dass dies am Klima liegt. Denn eigentlich sind hier alle noch katholischer als es eigentlich geht. Durch die offenen Türen zweier Kirchen beobachteten wir inbrünstig abgehaltene Gottesdienste.

Ich verrate ihnen wie das zusammengeht, obwohl ich das nicht tun sollte.

Die Gläubigen in Brasilien sind intelligenter als bei uns. Die haben das Prinzip der Beichte begriffen. Das Sündenkonto wird im Beichtstuhl geleert und dann nichts wie nach draußen ins Gewühl. Hierzulande würde ich glatt wieder eintreten, wenn das akzeptiert würde. Ich glaube nicht, dass der Priester Caipirinhas statt Messwein benutzt. Unsere waren aber sehr schmackhaft. Auf dem Rückweg sammelten wir saftige Mangos von dem Fußweg weil sie das Herz stärken und den Magen beruhigen sollen. Manche der Bäume standen in voller Blüte, an anderen hingen grüne Früchte. Wir griffen uns die reifen Exemplare und waren schnell satt. Das war alles sehr schön. Unsere Finger waren vom Fruchtsaft verklebt, als wir sie an der Gangway desinfizierten.

Brandrodung direkt am Amazonas

Ich schlief mit geschossener Tür und nahm trotzdem Brandgeruch war.

Weil unsere Rindviecher nicht mehr das Futter von einheimischen Feldern bekommen, werden hier die Wälder abgebrannt um Soja zu produzieren, welches dann zu uns verschifft wird um die Rinder damit zu füttern. Wir fahren mit dem Benzin zu McDonald’s, welches aus dem Mais produziert wird, dass unsere Kühe nicht essen dürfen. Wir fressen gehexeltes Fleisch aus Brasilien. Es klemmt zwischen weichen ukrainischen Brötchen und ist mit Analogkäse belegt. Aus was ist wohl dieser Analogkäse gemacht? Aus Soja und Palmöl natürlich! Und dafür muß Wald abgebrannt werden.

Weißes Brasilianisches Rind

Die bei uns produzierte – EU subventionierte – Milch wird zu Pulver gemacht und nach Afrika verschifft.

Weil das subventionierte Milchpulver aber so billig ist und die Bauern in Afrika ihre eigene Milch nicht mehr verkaufen können, leisten wir dann Entwicklungshilfe.

Übrigens fand ich die Amazonasrinder viel eleganter und durchtrainierter als unser Turbokühe.

Soja Verladung am Amazonas

Das sich dies so, oder so ähnlich verhält, fiel mir ein als ich nicht mehr schlafen konnte, und den Sonnenaufgang hinter dem Sojabeladungsterminal am Amazonas beobachtete.

Zur gleichen Zeit, denn es war in Deutschland schon Mittag, schimpfte ein grüner Politiker in Berlin über die Kreuzfahrtschifffahrt und wechselte zu einem Biogasanbieter, weil er dann mit seiner Solaranlage aus China auf dem Dach 100% öko ist. Vorher unterschrieb er noch ein Papier für eine Ausnahmegenehmigung für die Verwendung von giftigem Cadmiumtellurid bei der Herstellung von Solarzellen. Sein Kind spielte zu Hause mit einer Energiesparlampe, weil Mamma Müll trennen musste und nicht aufpassen konnte.

Die Ausflugsdampfer legen an

Ich frühstückte einen Kaffee und dann kamen auch schon bald die Schiffe, mit denen wir zu den Piranhas gebracht werden sollten.

Nebenarme des Amazonas

Wir fuhren in Nebenarme und sahen wie die Kleinbauern am Ufer leben. Noch leben! Es wird befürchtet, das hier eine Sojamonokultur
entsteht. Aber ich denke diese Bauernhöfe werden doch bleiben, um den Touristen etwas zu bieten. Pevers aber doch real.

Der Stolz des Fischers auf dem Amazonas

In der Trockenzeit ist der der Pegel des Flusses sehr niedrig.

Also ist der Fischbestand im Verhältnis zum Wasserstand sehr hoch und die Fischer glücklich. Der Piranha ist ein eher unscheinbarer Zeitgenosse – allerdings mit einem gefährlichen Gebiss.