Verschmähte Bilder wiedergefunden und hoch geehrt

In Wien kann man vieles entdecken. Den Hasen von Dürer und Helena Fourment, die junge Frau Peter Paul Rubens, halb nackt, mit einem anzüglichen Pelzumhang dürftig bedeckt. Als Maler der schönsten Cellulite bekannt, hatte auch der Meister des Hochbarock seinen Lehrmeister. Und was für einen. Denn dieser traute sich mehr als sein Schüler je wagte.

Text 20 Feb. 2020

Otto van Veen, um den es in meinem Beitrag verschmähte Bilder wiedergefunden und hoch geehrt geht, wäre heutzutage eine Skandalfigur und schon lang aus dem Kunstbetrieb – zumindest dem europäischen – verbannt. In Deutschland hätten selbstgerechte KunstkleinbürgerInnen nicht intervenieren müssen, da die allgegenwärtige Selbstzensur diese Bilder nie und nimmer hätte an die Öffentlichkeit kommen lassen. Man will sich ja keinen Ärger einhandeln.

Freilich, und hier relativiert sich alles, dass die Gemälde 300 Jahre im Depot verschwanden lag an der Entscheidung von Männern. Denn diese hatten die Hausgewalt inne. Und ganz ähnlich wie der Makart von Hamburg waren diese Großformate hinter Wänden versteckt.

Freilich musste auch Otto van Veen zu seiner Zeit penibel darauf achten, wohin er seine Bilder gab. Da in Flandern die Gegenreformation tobte, landeten seine stärksten Werke letztendlich in Wien. Man möchte sagen – logischerweise. 

Irgendwie spürt man die Freude des Malers am scheinbar verruchten Sujet. Ja, man vermeint in seinen christlichen Motiven dagegen eine gewisse Steifheit zu entdecken, die diesen, hier zu besprechenden Bildern nicht zu eigen ist.

Otto van Veen | Die-Perserinnen | ca. 1629
Otto van Veen | Die-Perserinnen | ca. 1629 | Öl auf Holz | 132 x 195,2 cm

Wann und auf welchem Weg diese zwei Werke nach Wien kamen, ist unbekannt. Das sie jedoch seit dem 18ten Jahrhundert nicht mehr ausgestellt wurden und still vor sich hingammelten, zeigte der Zustand, in dem sie sich befanden, als sie wiederentdeckt wurden.

 
Ausgerechnet zwei Frauen entdeckten diese Gemälde. Nein, sie wurden nicht umgehend in die Finsternis des Archivs verbannt. Was ja durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Das lässt aufhorchen und beruhigt zugleich. Mit großem Einsatz machten sich die Frauen ans Werk. Eine konzeptionell arbeitende amerikanische Künstlerin, R.H. Quaytman, und die Kuratorin für flämische Kunst, Gerlinde Gruber, nahmen sich der Gemälde an, beauftragten die Restauration und zeigten das Ergebnis in der Ausstellung „Ansichtssache“.

Ich hoffe, mir als männlichem Kunstbetrachter ist mit der Tatsache, dass die Gemälde „Amazonen und Skythen“ sowie „Die Perserinnen“, durch Frauen wiederentdeckt und in die Öffentlichkeit gebracht wurden Absolution erteilt. Also schreibe ich meine Gedanken dazu auf.

Wien ist in vielem der deutschen Kunstprovinz voraus. In Hamburg wurde eine dummbatzige Diskussion wegen einiger ausgesprochen lapidarer, nackter Schönheiten auf einem Gemälde von Makart geführt.

Lesen Sie den Beitrag Wolfgang Ullrich der Kunstbenutzer und sie werden erstaunt sein

Fangen wir bei den „Perserinnen“ an. Die Geschichte geht auf Plutarchs tapfere Frauen zurück, in der griechische Denker beschreibt, wie die Perserinnen ihre Röcke anheben, um ihre aus der Schlacht fliehenden Männer zu beschämen. Beschämen steht auf dem Schild am Bild – in den kunsthistorischen Sammlungen.

 
Aber könnte es nicht sein, dass die sich vor einer Niederlage fürchtenden Krieger, noch mehr vor Ihren Gattinnen fürchteten? Denn warum verdeckt der Reiter im Vordergrund sein Gesicht vor dem Anblick des Geschlechts einer Frau? Seiner Frau? Vor Scham, vor Angst und drohendem Unheil zu Haus?
 
Eventuell ist das Entblößen des Geschlechts aber auch eine von Frauen heutzutage nicht mehr öffentlich ausgeübte Drohgebärde, mit ähnlicher Wirkung wie die Geschichte der sagenumwobenen Vulva dentata. Der Zahn besetzten Scheide, welche den eindringenden Penis zerbeißt und skrupellos verschlingt.
Otto van Veen | Amazonen und Skythen
Otto van Veen | Amazonen und Skythen | Kunsthistorisches Museum Wien

Das Zweite der aufgefundenen Gemälde ist ähnlich provokant, aber anderer Natur.  Otto van Veen`s „Amazonen und Skythen“ von 1597/99 zeigt ebenfalls selbstbewusste Frauen, die sich vor Männern entblößen. Freilich hat ihr Tun hier einen anderen Zweck. Den der Paarung.

 
Die Existenz von Amazonen wurde häufig als mythisch abgetan, aber durch archäologische Funde immer wahrscheinlicher. Wenn Herodot (ca. 490-430 v. Chr.) die Herkunft der Sauromaten aus der Vereinigung der Amazonen mit den Skythen beschreibt, wird er sich kein Märchen ausgedacht haben.
 
Amazonen lebten männerlos, trafen sich aber hin und wieder mit ihnen, um Nachkommen zu zeugen. Ein typischer Fall von rigoroser Emanzipation und ein archaisches Verständnis von Sex. Wie auf dem Gemälde von Otto van Veen zu sehen ist, legen die Frauen ihre Waffen ab und schlagen sich mit den Männern in die Büsche. Es folgt daraus: ohne weiblichen Reiz kein Sex. Ohne Sex keine Nachkommen. Ohne Nachkommen keine menschliche Existenz.
 

Übrigens. Mir persönlich ist nicht bekannt, dass sich Männer ostentativ entkleiden um Frauen zu sexuellen Handlungen zu bewegen.

 
Es scheint, tief in der biologischen Verfasstheit des Homo sapiens, ein gewisses Muster angelegt zu sein. Und daraus folgt für mich, dass die Darstellung des nackten weiblichen Leibes und deren Dominanz in der bildenden Kunst eben diesen Grund hat.
 
Die Einwendung, dass der nackte männliche Körper in der Antike ebenso oft anzutreffen ist, wie der weibliche, ist wahrscheinlich auf die Offenheit zur Homosexualität zurückzuführen. Kultur und vor allem die Religion beeinflusst die Haltung zur Nacktheit entscheidend. Oder gar auf die Dominanz des Mannes und seiner Selbstverliebtheit?
 
Die Erzählungen der zwei Gemälde von Otto van Veen spielen im heutigen Iran. Eine Unmöglichkeit, diese Geschichten dort zu erzählen, geschweige denn diese Gemälde im Islamischen Staat der Ajatollahs und des Wächterrates auszustellen. Die Religion beeinflusst weltweit das Leben der Menschen. Und damit die Kunst. Und wie wir erkennen müssen, man denke an die Missbrauchsfälle in den Kirchen, steckt dahinter auch ein perverses, oft der menschlichen Natur widersprechendes System, das zu Zeiten der Renaissance wohl noch ein anderes war. Da ging es um die kirchliche sowie der weltlichen Macht und um große Kunst zur Repräsentation.

Die Leibfeindlichkeit war keineswegs so ausgeprägt wie heute. Einer Zeit in der man Kirche, Religion und Kunst eher nicht mehr zusammen sieht. Ihr kultureller Einfluss ist marginalisiert. Wenn nicht gar atomisiert.

Mantegna Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend Musée du Louvre Paris
Mantegna | Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend | Musée du Louvre Paris

Dieses Gemälde ist als Bespiel inhaltlich ungeeignet, da propagandistisch-katolischen Inhalts. Kompositorisch jedoch passend.

Aber nun noch einmal zur Kunst an sich. Wie ordne ich diese, hier vorgestellten Bilder ein und welchem Einfluss unterliegen sie.
 

Ich sehe, dass Otto van Veen noch sehr nah an der Renaissance ist, kompositorisch einem Ucello, einem Mantegna und – sinnlich auch – einem Botticelli. Und in der direkten Nachfolge dann Nicolas Poussin.

 
Ob die genannten Renaissancemeister Otto bekannt waren, ob Nicolas Poussin Otto van Veen´s Werke kannte, sei dahin gestellt. Ich spekuliere dem Augenschein nach. Es wäre eine ganz andere Frage, ob sich stilistische Eigenheiten auch durch ein Zeitgefühl übertragen. Sozusagen eine „Stil-Infektion“ ohne direkten Kontakt.
 
Der Lehrer Ottos, Isaac Claesz van Swanenburg, wiederum schuf auch zahlreiche, wie ich sie gerne nenne, „Wimmelbilder“. Also vielfigurige Kompositionen. Er hat augenscheinlich Einfluss auf ihn gehabt. Er ist eher ein typischer Vertreter der flämischen Renaissance und damit der nordischen, die immer ein wenig dunkler und auch steifer erscheint.

Auch der Blog-Beitrag Verschmähte Bilder wiedergefunden und hoch geehrt begreift sich nicht als wissenschaftliche Abhandlung

Link Kunsthistorisches Museum Wien. Pressetext zur Ausstellung ANSICHTSSACHE

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