Die Brüste der minoischen Schlangengöttin

Gedanken zur nackten weiblichen Brust in der bildenden Kunst.

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Warum trägt die minoische Schlangengöttin ein Kleidungsstück, welches ihre Brust nicht verhüllt. Stoffmantel kann es nicht gewesen sein, denn ein langes Gewand umschmeichelt ihre Beine. Kein Stück der Beine und auch kein Fuß ist zu sehen.
 
 
 
Als die Welt noch mehrere GottheitInnen zuließ, hatten diese erheblich mehr Zeit, sich ihren Aufgaben zu widmen. Gleichberechtigung herrschte ohnehin. Denn die Götter musste nicht zwingend männlich sein. Göttinnen durfte stolz ihre Brüste zeigen und der Gott seinen rauchenden Bart.
 
Die Schlangengöttin streckt fast drohend (oder auch fordernd?) dem Betrachter ihre Brüste entgegen. Seht her – ich die selbstbewusste Dominatorin. Die Schlangengöttin wurde vorübergehend zur Ikone der modernen Frauenbewegung, ehe die grassierende Leibfeindlichkeit alles zunichtemachte und unter Stoff verbarg.
Zur Schlange: Wir kennen sie von Adam und Eva her. Dies böse Tier trägt den Teufel in seiner Gestalt.
 
In der minoischen Zeit verkörperte die Schlange die periodische Erneuerung des Lebens und wurde hoch verehrt. Alterung und Verjüngung in einem. Die Schlange wurde als Symbol der Überwindung des Todes gedeutet. Die Christen sehen im Gegensatz in der Gestalt der Schlange die Sünde und sie wird zur Verkörperung des Bösen schlechthin. 
 
Doch wieso hat die Schlange, der die Verjüngung durch Häutung nachgesagt wird, um Teufels Willen am Äskulapstab überlebt? Hatten die Christen Angst das Attribut des Lichtes und der Heilung zu verdammen, weil sie befürchteten, eines Tages seiner Hilfe zu bedürfen? Denn diese Schlange ist das Sinnbild für die selbstlose Hilfe des Arztes. Ihr wurde Heilkraft und die Gabe der Scharfsichtigkeit zugesprochen.
 

Sind die christlichen gottgläubigen Opportunisten, welche sich ein Türchen zu heidnischen Göttern offenhalten um flux die Seite wechseln, wenn es ernst wird?

 
Aber eine noch wichtigere Frage steht im Raum. Was ist mit den ostentativ zur Schau getragenen Brüsten der Göttin, welche mir schon als frühpubertierenden Knaben in die Augen und Glieder stachen als ich die Bücher unserer Bibliothek nach brauchbarem Bildmaterial durchforschte. Da in der minoischen Zeit die Darstellung des nackten Mannes eindeutig die Oberhand hatte, ist diese Teilentblößung der Schlangengöttin einen wissenschaftlichen Diskurs wert. Aber niemand hilft mir.
 
Haben meine frühen Vorfahren diese Brüste so gesehen, wie ich sie heute sehe? Oder ist der Anblick von Brüsten im zeitlichen Kontext ein grundsätzlich anderer. Man liest, dass Brüste in der minoischen Zeit nicht „sexualisiert“ waren. Dies kann ich mir schlecht vorstellen, da schon in der Steinzeit Brüste als Fruchtbarkeitssymbole in Stein gemeißelt wurden. 
 
Um Erbsünde kann es nicht gehen. Diese Fürchterlichkeit dachte man sich erst später aus.
 
Die Brust zu entblößen muss ein bewusster Prozess gewesen sein, da die Kleidung der minoischen Damen außergewöhnlich extravagant war. Aufwendig gearbeitete Volantröcke mit farbig leuchtenden Röcken und aufwendig gearbeiteten Miedern, die die Brüste in vorteilhafter Art entblößten trugen zumindest die oberen Schichten.
 
Die Sphinx fällt mir noch ein. Sie streckt uns ihre mächtigen Brüste entgegen und wird zur Personifikation der Freiheit. Das wird es sein. Die Schlangengöttin war eins mit ihrer Brust und wusste nicht nur Schlangen zu bändigen.
Horst Kistner | Postkarte | criminal intent

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Detailbild der Brüste der minoischen Schlangengöttin
Die Brüste der minoischen Schlangengöttin

Es steht die Frage im Raum, wieso in unserer Zeit weibliche Brüste per se in einen negativ-sexuellen Kontext gestellt werden.

Denn heidnische Göttinnen wie Venus und Diana, die ihre Brüste entblößt zeigen, erscheinen machtvoll und positiv. Christliche Göttinnen wie Maria Magdalena oder die uneigennützige Liebe verkörpernde Karitas stehen für Liebe und aufopferungsvolle Zuwendung.

Andererseits gibt es die Opfer voyeuristischer alter weißer Männer wie Susanna und Bathseba. Deren unterschiedliche Interpretation durch Maler verschiedener Epochen werde ich später behandeln.

Hier die Lucretia. Sie brachte sich durch einen Stich in die Brust um, da sie die Schmach einer Vergewaltigung nicht ertragen konnte. Dieser Suizid ist seit jeher auch ein beliebtes Bildmotiv sowie dankbare Vorlage für Oper und Schauspiel.

Die Folgen dieses Suizides waren der Überlieferung nach jedoch enorm. Denn Lucretia wurde von Tarquinius, einem gehasste Herrscher, geschändet. Als dies offenbar wurde, endete die Monarchie und die römische Republik wurde gegründet. Ein sexueller Übergriff veränderte demnach eine Gesellschaft radikal – zum Besseren. Auch wenn Demokratie sehr anstrengend sein kann, so gibt es bis heute keine bessere Form des Zusammenlebens.

Lucas Cranach d. Ä Selbstmord Der Lucretia Öl auf Lindenholz 48 x 35,1 cm Bayerische Staatsgemäldesammlung

Eine zeitgenössische Position zum Thema weiblicher Brüste

Der zeitgenössische Fotograf Horst Kistner beschäftigt sich mit dem Gegensatz von Nacktheit und Verhüllung. Sein Zyklus Faces bringt die Verletzbarkeit des menschlichen Leibes in besonderer Weise zum Ausdruck

 

Zyklus Faces – Zu den Abbildung und Detailaufnahmen

Eugène Delacroix Die Freiheit führt das Volk 1830 Öl auf Leinwand 260 x 325 cm Louvre

Auch Marianne, die Freiheitsfigur des französischen Volkes, welche auf dem Gemälde „Die Freiheit führt, das Volk“ des Malers Eugène Delacroix als Siegerin auf der Barrikade triumphierend die Trikolore schwenkt, ist ein Sinnbild der gesellschaftlichen Veränderung.

Barbusig, entschlossen und stolz. Sie wird von einem knienden Jüngling angehimmelt, als wäre ihm die Jungfrau Maria persönlich erschienen.

Eva trägt die Schuld an der Erbsünde, da sie die verbotene Frucht Adam reichte und ihn damit verführte. Gott stellte sie zur Rede, woraufhin Adam die Schuld natürlich Eva zuschreibt und Eva der Schlange. Letztendlich bleibt Eva als Schuldige übrig und das Schamgefühl kommt in die Welt. Außerdem die Sünde. Ein probates Druckmittel der Kirchen bis heute.

Aber die selbstbewusst zur Schau getragene Brust stand zu allen Zeiten für Emanzipation und Stärke. Weil das zeigen der weiblichen Brust gegen die unsinnigen Gesetzt der Kirche verstößt und Selbstbestimmung symbolisiert.

In den späten 1960er-Jahren hat es einen Versuch der sexuellen Befreiung gegeben der offenbar gescheitert ist. Die Leibfeindlichkeit in der bildenden Kunst war selten so stark.

Andererseits demonstrieren emazipierte Frauen barbusig für eine Gleichberechtigung von Männer- und Frauennippeln.

Viel Verwirrung also. Und ich als Maler nackter Frauen schaue recht ratlos zu. Denn die Darstellung des nackten Leibes galt in meinen jüngeren Jahren als die Königsdisziplin der Malerei. Ohne den menschlichen, auch nackten, Leib ist die Malerei leblos und entmenschlicht.
Neben dem Text – Die Brüste der minoischen Schlangengöttin –  hier weitere Texte zu Kunst im Kontext mit Nacktheit – frühkindlicher Sexismus – oder wie ich die Kunst entdeckte – und – ein kleines Stück Haut zum Frühstück.

Ein inszenierte Skandal über ein harmloses Gemälde von Makart ist ein Beispiel der viel zitierten Cancel Culture des neuen intelektuellen Kleinbürgertums.

Siehe Link!

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