Die Ausstellung Matisse – Bonnard – öffnete mir die Augen

Ich behaupte, ein praktizierender Maler – oder eine Malerin – sieht Bilder grundsätzlich anders als jeder andere Besucher einer Ausstellung.

Die Ausstellung Matisse – Bonnard – öffnete mir die Augen. Jedoch nicht nur meine, wie in den zahlreichen Rezensionen mit einem ziemlich einheitlichem Tenor zu lesen war. Dem Städel in Frankfurt ist Großes gelungen und dieses hat mir ein Stück meiner künstlerischen Sozialisation in Erinnerung gebracht und sollte auch andere zum Denken über Kunst, deren Einordnung und Wertigkeit anregen. Mir scheint weniges so statisch in ein Schema eingemauert zu sein, wie die jüngere Kunstgeschichte. Dies ist nicht nur ungut für den Reichtum und die Vielfalt, die hinter den Abspielapparaten der Kunsthitparaden verschwindet, sondern hat auch direkte Auswirkung auf die Behandlung der Kunst der Gegenwart.

Wo ich ihn entdeckte, diesen Herrn Bonnard, daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Es gab in der SBZ kleine Heftchen mit dem Titel „Maler und Werk“, die ich als Kind sammelte wie andere Mickey Mouse Hefte.

Oder in meinen Karteikästen, mit wohlgeordneten Kunstpostkarten, war er vielleicht zu finden. In den Dresdner Sammlungen war keiner und im Leipziger Bildermuseum auch nicht.

Heute habe ich ihn bei mir wieder gefunden. Den Bildband Pierre Bonnard. Texte: Andre Fermigier. Erschienen: Paris, La Bibliotheque des Grands Peintres / Editions Cercles 1969. Mit deutlichen Gebrauchsspuren. Die Tante aus dem Westen, Leipziger Buchmesse – keine Ahnung, woher der kam. Benutzt wurde er aber wohl, wie zum Beispiel, farbige Fingerabdrücke auf der Seite 95 mit der Abbildung „Les Bas Noirs“ beweisen. Meine zwei Vorlieben in jungen Jahren, wohl noch vor dem Studium, sind nicht zu verleugnen. Der frühe Bonnard und Lovis Corinth. Sehr nahe beieinander. Geradezu frappierend von heute aus gesehen. Corinth 1858 und Bonnard 1867 geboren. Keine zehn Jahre auseinander.

Bonnard Les Bas Noirs 1908

Corinth Liegender Akt 1899

Dieses Corinthsche taucht lediglich in wenigen Bildern um 1910 herum in Bonnards Werk auf. Corinth malte seinen liegenden Akt 1899. Ich würde Kollegen Bonnard natürlich gern fragen, ob er dieses Bild kannte.

Aber nun zu Kollegen Matisse. Und gleich die Ehrlichkeit des Malers als Betrachter.

Ich habe weder einen Bildband von ihm noch eine Postkarte. Freilich ist das hart. Aber er hat mich nie so richtig interessiert. Der Bonnard dagegen schon. Er hat mich fasziniert und ein Stück weit begleitet.

Sie müssen wissen, ich habe als junger Mann den Beruf eines Plakatmalers erlernt.

Ein schöner Beruf, bei dem es um Fläche und Erkennbarkeit geht. Formate sind zu strukturieren und die Flächen mit Farben auszufüllen, so das von weitem die Botschaft ohne jeden Firlefanz zu erkennen ist. Das bedeutet mit Farben füllen und nicht malen im eigentlichen Sinne. Gerade der Malerei wegen, wollte ich ja nicht mehr „nur“ Plakatmaler sein und wechselte ins malerische Fach. In der Malerei gibt es keine Flächen an sich – für mich. Es wird nichts angestrichen. Es wird gemalt. Und das macht Bonnard.

Die zwei in der Frankfurter Ausstellung gezeigten Meister sind sehr unterschiedlich. Und jetzt mache ich wieder etwas gut, nachdem ich solch schnöde, technische und sehr subjektive Maßstäbe angewendet habe um für mich ein Ordnungssystem zu schaffen.

Ich vergleiche Matisse mit Cranach und Bonnard mit Tizian. Ist das für Sie o. k.? Denn das Eine steht für das Atmosphärische und das Andere für Klarheit. Zwei legitime Haltungen, die nicht als solches zu werten sind, sondern jeweils eigene Qualitäten aufweisen.

Tiziano Vecellio Nympfe und Schäfer Öl auf Leinwand 150 x 180 cm

Lucas Cranach d.Ä. Venus, 1532 Buchenholz 37,7 x 24,5 cm Städel Frankfurt

Der Bonnard ist eindeutig der Meister des Sfumato – hier in Form eines Spätimpressionismus. Also der malerische Typ. Diese Malerei ist voller Emotion und überbordender Sinnlichkeit. Sie trägt ein Geheimnis in sich und vermag meinen Blick länger zu fesseln, als jene seines berühmten Kollegen.

Der Matisse dagegen ist der Zeichner. Ihm ist die Linie alles und die Fläche sowieso. Er baut und konstruiert seine Gemälde wie eine wunderschöne Fassade. Gerade in seiner späten Phase sind seine Gemälde Fläche und Linie, und eben kein Raum wie bei Bonnard. Der Unterschied zwischen einem Gemälde und einer Grafik ist marginal und lediglich in der technischen Ausführung unterscheiden sie sich. Mit seinen Scherenschnitten – den papiers découpés – erfindet er dann eine radikal neue Form, die auf einer radikalen, folgerichtigen Reduktion des bisherigen basiert.

Henri Matisse erzielt bei Google über 13 Millionen Ergebnisse. Pierre Bonnard kommt auf lasche 446.000 Einträge.

Matisse Jahresumsatz liegt in 2017 bei Versteigerungen exakt bei 55.225.453,00 $. Bonnards ist mit 10.869.491,00 $ nur ein Fünftel so groß. Das Spitzenlos (bei ähnlicher Größe und Qualität – wenn man das so sagen kann) Bonnard 3.000.550,00 € 400 T€ unter Schätzpreis für seinen berühmteren Kollegen werden 12.430.850,00 € geboten.

Also ist damit die Marktpositionen der Maler klar. Und woran liegt dies?

Einerseits hatte Matisse von Anfang an den besseren Marktzugang durch die Bekanntschaft mit amerikanische Sammlern, die auch Picasso protegierten. Andererseits ist er marktgängiger. Eine Marke an sich. Sein Wiedererkennungswert ist durch den dominanten und einfachen Bildaufbau sehr hoch. Für Bonnard bedarf es einen geschulten Blick. Er kann dem Kunstinvestor schon mal als ein unbedeutender Spätimpressionist durchgehen. Und doch sind die meisten Werke von ihm in Privatbesitz. Das wirft Fragen auf. Was kaufen die Museen?

Bonnards Bilder müssen gelesen werden, sind subtiler und bei weitem nicht so dekorativ wie die seines berühmteren Kollegen. Ich möchte die Kunst beider mit einem Verkehrsschild und einem üppig dekoriertem Schaufenster vergleichen.

Jedes Schaufenster muss in seiner Vielfältigkeit erfasst und neu gelesen werden. Verkehrsschilder kennt man nach kurzer Zeit und weiß sie einzuordnen. Vorwissen und Erwartungen spielen bei der Wahrnehmung eine dominante Rolle.

Das Wissen über die Kunst von Matisse ist weit verbreitet und er erfüllt die Erwartungen des Publikums zuverlässig, weil seine Bilder in gewissem Sinn einzigartiger sind, als die von Bonnard.

Denn bei ihm sind auch immer Stilelemente vorangegangener Epochen, also des Impressionismus und des Pointillismus, zu finden. Bonnard ist kein Markenprodukt an sich. Aber vielleicht ist er doch der bessere Maler von Beiden? Eine handgefertigte Praline.

Und warum kommt dies nicht zur Geltung? Ich glaube, dass die Reize, die von seinen Arbeiten ausgehen, die Reizinformationen aus der Umwelt nicht so lässig übertönen können, wie die eines Matisse.

Und noch ein Gesichtspunkt ist für die Entwicklung eines Markenprodukts von Nöten. Der Name evoziert das Bild. Sagt man Coca-Cola, sieht man die Flasche vor sich und den Schriftzug des Süßgetränks. Sagt man Matisse, sieht man ein bestimmtes Bild vor sich. Und sagt man Bonnard…?

Es mag auch sein, dass für das Sinnliche der Markt ein anderer ist. Intimer, kennerhafter, feiner.

Als der Kubismus zu seiner Zeit alles bisher gewesene zerdepperte und Bonnards Akte einfach aus der Zeit fallen mussten, ist schon fast folgerichtig. Picasso, dem süffisante Äußerungen über Bonnards Kunst nachgesagt werden, wurde selbst verdächtigt, eigentlich auf diese Malerei neidisch gewesen zu sein. Nun ja – eine Anekdote.

Aber einen Erotomanen wie Picasso können Bonnards Bilder nicht kalt gelassen haben. Zumal er nach Beendigung seiner kubistischen Zeit ins gegensätzliche Extrem – dem seiner klassizistischen Periode – wechselte. Also hat ihm wohl etwas gefehlt.

So gegen Ende meines gar nicht wissenschaftlichen Textes noch die Kritik eines „akademischen“ Malers. Sie dürfen schimpfen, aber jeder sieht was er sieht. Und eben auch das , was ihn stört, er anders lösen würde.

Die drei Falten im Leib der Liegenden von Matisse sind wirklich unschön.

Geradezu brutal und wie ins Fleisch eingeschnitten. Gleiche Abstände zwischen den Einkerbungen. Auch wenn es sich um eine Stufe der Abstraktion handelt, sträuben sich mir beim Anblick die Haare. Die Sinnlichkeit ist dahin. Das Bild kaputt.

Auch Bonnard ist nicht unfehlbar. Diese proportional viel zu große Achselhöhle, diese verkrampfte, sehr künstliche Armhaltung, empfinde ich als ausgesprochen störend.

Ich sehe keine formale Notwendigkeit für diese proportionale Verschiebung, zumal sie im Bild nicht wieder aufgenommen wird. Da Bonnard meist aus der Erinnerung heraus malte, ist es natürlich schwierig, die Anatomie des Menschen immer im Auge zu haben. Es kam ihm sicher nicht auf solche Details an, sondern auf die Wirkung des Gemäldes als Ganzes. Solche Details ziehen meine Augen magisch an und irritieren mein ästhetisches Gefühl.

Dies macht diese Ausstellung aber um keinen Deut schlechter. Ich weiß all zu gut, dass nicht jedes Bild gelingt.

Man kann hoch erfreut sein, dass die hysterische Diskussion über den „Missbrauch“ von Modellen nicht auch noch auf diese Ausstellung übergesprungen ist. Immerhin hatte Matisse mit einem 41 Jahre jüngerem Modell ein Verhältnis, das zum Scheitern seiner Ehe führte. Und außerdem wäre auch heftig zu kritisieren, dass in der Ausstellung keine nackten Männer zu finden sind. Doch einer wohl – wenn ich mich recht erinnere. Von hinten als Silhouette.
Ich weiß wie schwierig es ist mit seiner Prägung umzugehen 😉 Und bräuchte selbst dringend eine Therapie.

Auf dem hochinteressanten Blog des Städel ist ein Text über den Grenzbereich von Kunst, Mode und Kommerz zu finden. Absolut lesenswert!

Ich empfehle außerdem, ergänzend, die Rezensionen der Frankfurter Allgemeinen und der ZEIT zu lesen.

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