Das Museum in Lyon ist einen Besuch wert!

Lyon ist auf der Kunstweltkarte nicht unbedingt an vorderster Stelle zu finden. Auch ich bin mehrmals in Dankbarkeit an dieser Stadt in Richtung Provence vorbeigefahren, signalisierte sie doch, das ungefähr die Hälfte des Weges geschafft ist. Man meint, gehört zu haben, Lyon sei irgendeine Industriestadt, die auch einer Wurst Ihren Namen geben hat.

Uns sollte die Stadt zur Ruhe vor der Weiterreise dienen und war dann doch eine große Überraschung. Das Musée des Beaux-Arts in Lyon hat es durchaus in sich und besticht durch einige feine Arbeiten quer durch die Kunstgeschichte bis in die nähere Vergangenheit.

Himmelfahrt Perugino 1496-1498 im Musée des Beaux-Arts de Lyon

Gleich beim Betreten des Museums wurde ich von einem alten Bekannten überrascht. Perugino, den ich bei einem Aufenthalt in Umbrien neu entdeckte, protzt mit einer Auferstehung Christi.

Woran erkenne ich einen Perugino

Der Lehrer Raffaels hat dieses großformatige Bild konsequent symmetrisch komponiert. Aber nicht daran oder an seinem Kolorit erkenne ich Pietro Perugino auf den ersten Blick.

Die Unterkiefer seiner Porträts sind es. Geradezu ein Markenzeichen, jedoch anatomisch nicht unbedingt normal. So wie Michelangelos Frauen eigentlich Männer sind, denen er die sekundären Geschlechtsmerkmale „drangemalt“ hat, wie zum Teil an den Sibyllen in der Sixtinischen Kapelle zu sehen oder Lucas Cranachs Bäuche.

Lorenzo Costa Christi geburt

Es geht nicht, dass man alle Künstler jeglicher Epoche kennt. Mich würde dies auch ängstigen, wäre doch jede Entdeckung ausgeschlossen. Lorenzo Costa malte Ende der 14 hunderter Jahre. Seine Christi Geburt ist ein ausgesprochen feines Bild von höchster zeichnerischer Qualität.

Tintoretto Danae 1570 Lyon

Dann ist da noch Tintoretto, an die hundert Jahre später, so gegen 1570, um einiges malerischer als das Gemälde von Costa.

Aber wie sollte man diese gegeneinander aufrechnen? Es geht nicht, da sich hier zwei malerische Grundhaltungen manifestieren, die sich durch die gesamte Kunstgeschichte ziehen. Einerseits der zeichnerische auf der Linie basierende Ansatz und andererseits der malerische Ansatz, der das Sfumato benutzt. – Übersetzt die verschwommene Darstellung der Konturen. – Costas Gewänder sehen brillant und klar aus. Bei Tintoretto ist alles im Fluss. Was seine Fleischlichkeit angeht, meint man schon Rubens zu sehen, der erst 1577 geboren wird. Also 7 Jahre nachdem Tintoretto „Die Danae“ malte.

Rembrandt Harmensz van Rijn, Die Steinigung des Heiligen Etienne, 1625 Lyon

Die Steinigung des Heiligen Stephanus von Rembrandt erkannte ich erst auf dem zweiten Blick als Arbeit von seiner Hand.

Auf das Schild geschaut. 1625. Und dann, mit dem Smartphone bei Google nachgesehen. Der Kerl hat das Bild – wenn sich die Kunstwissenschaftler nicht irren – mit 19 Jahren gemalt. Ein Jahr nach Abschluss seiner Lehre bei Pieter Lastmann, von dem dieses Bild noch stark geprägt ist.

Ich möchte meine Arbeiten mit 19 Jahren jetzt mal nicht sehen. Allerdings hatte Rembrandt mit 19 schon eine fünfjährige Ausbildung hinter sich. Trotzdem – er ist einer der größten Künstler aller Zeiten. Und schön solch eine frühe Arbeit zu sehen. Mehrere derartige Überraschungen sollten noch auf uns zukommen.

Musée des Beaux-Arts Lyon Skulpturensaal

Irgendwann ging es dann einige Stufen nach unten. Nicht in den Keller. In einen opulenten Skulpturensaal.

Da hatten wir sie, die sich vor und nach Rodin am menschlichen Leib abarbeiteten. Rodin der Omnipräsente war hier eher unterrepräsentiert. Ein früher, eher nicht so aufregender, Rodin musste reichen und das war auch irgendwie gut so, kommen doch die anderen Arbeiten besser zu Geltung und werden nicht von diesem Titanen erschlagen.

Odalisque von James Pradier von vorn
James Pradier Odalisque in Lyon

Die Odalisque von James Pradier, den ich auch nicht kannte, gefiel mir sehr gut. Wie sie sich umwendet, ist mit großer Anmut und gekonnt aus dem Marmor herausgearbeitet. Reinster Klassizismus von erstklassiger Qualität.

Aristide Maillol eine Sitzende

Ich fand es sei eine verpasste Gelegenheit, dass man die Sitzende vom Maillol nicht in eine Beziehung mit der Odalisque gebracht hat. Die Bezüge hätten sich angeboten und mit Traditionslinien verbunden. Moderner oder gar abstrakt wurde es dann in diesem sehr schönen Raum Gott sei Dank nicht. Ein schönes Beispiel wie Kunst und Architektur eine Symbiose eingehen kann. Ein Saal zum Verweilen. In Ruhe sitzen und spüren, wie man innerlich entspannt.

Treppenaufgang im Musée des Beaux-Arts de Lyon

Eine – nicht ganz leise – Schulklasse bewegte uns dazu weiterzuziehen. Der Treppenaufgang mit seinen Wandmalereien erinnerte mich an die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

Gustave Courbet Die Welle 1870
Gustave Courbet Les amants heureux Lyon

Ein erster intensiver Blick fiel auf eine Welle von Gustave Courbet. Ein kräftiges Bild.

Les amants heureux- das Doppelporträt – jedoch um einiges bedeutender. Fantastisch gelöst und sehr spannungsvoll durch das vordere im Halbschatten liegende männliche Porträt und das Lichte dahinter. So erzeugt Courbet nicht nur Tiefe, sondern auch eine enorme Spannung und das Geflecht der Linien, der Konturen, der zwei Dargestellten. Kleines Bild mit wahnsinniger Power.

Jean Paul Laurens Les Otages 1896

Jean Paul Laurens Bild dieser zwei Kinder war auch eine Überraschung.

Eigentlich ein Historienmaler theatralischer Natur zeigt hier, wie man Ruhe darstellt. Dieses Bild ist subtil farbig und in der Komposition äußerst spannungsvoll, ohne lärmend spektakulär zu sein. Einer der letzten großen Historienmaler beweist hier, das er auch das kleine Format meisterlich beherrscht.

Salonmalerei im Museum Lyon

Natürlich kommt man um die historisierende Salonmalerei auch in diesem Museum nicht herum.

Da geht es wild-theatralisch zur Sache. Das lärmende Großformat an sich war in bestimmten Kreisen schon immer begehrt, stellte es doch nicht nur sich selbst, sondern auch den Besitzer in ein besonders helles Licht. Dem Namen des Malerfürsten wurde natürlich besondere bedeutung geschenkt. Die Qualität solcher Riesenschinken spielt nicht immer die erste Rolle. Hauptsache es knallt richtig. Dies ist kontinuierlich und in unserer Epoche wieder von herausragender Bedeutung.

Honoré Daumier Passants 1858, Musée des Beaux-Arts de Lyon

Unwesentliche Schritte weiter drei schöne Gemälde von Daumier. Malerisch sehr schön. Und ein gravierender Gegensatz zur repräsentativen Malerei wendet doch dieser Künstler sein Augenmerk auf sozialkritische Themen und stellt mit Vorliebe das einfache Volk dar. Auch er hatte einen engen Kontakt zur Schule von Barbizon.

Hier schafft das Museum Einträchtigkeit in der Vielfalt. Dominante Positionen werden abgeschliffen und relativiert. Man wünschte sich, dass zeitgenössische Museumsleute und Kuratoren mit mehr Demut ans Werk gehen, ehe sie sich einem Mainstream hingeben um ihr eigenes Ansehen zu steigern. Denn immer noch ist es so, dass der Künstler das Gesetz macht und der Theoretiker die Interpretation. Die Tendenz, dass die Theoretiker Kunst lediglich als ein formbares Material für ihre Zwecke benutzen ist verheerend und wird die Szene und das Publikum gravierend verändern. Der Überdruss an der Kunst wird überall spürbar.

Van Gogh Paysanne au chale vert Lyon

Ganz am Anfang unseres Rundgangs hatten wir schon einen sehr frühen Rembrandt. Hier kommt noch ein früher van Gogh hinzu.

Es sind nicht die kleinsten Andeutungen seiner zukünftigen Farbgewitter zu sehen. Kein Wetterleuchten, sondern die erdige, bäurische Malerei aus der Zeit, in der er die Kartoffelesser gemalt hat. Noch ein Frühchen eines ganz großen Meisters.

Puvis de Chavannes L`Automne Lyon

Irgendwie zur gleichen Zeit, wenn auch 30 Jahre früher geboren, lebte der Maler Puvis de Chavannes. „Warst du in Italien so kannst du auch gut malien“ hat man vor vielen Jahren in das Gästebuch einer Ausstellung von Werner Tübke geschrieben. Tübke genoss, als Genosse, zu DDR-Zeiten Reisefreiheit und schulte sein Auge an der Renaissance.

Puvis de Chavannes packte die Malerei erst richtig nach seiner zweiten Italienreise. Aber auch das klassizistische Werk eines Ingres und vor allem Nicolas Poussin mit seine arkadischen Bildern beeinflusste ihn. Leichtfertig den Salonmalern zugeordnet, wurde lange nicht erkannt, wie modern seine Kompositionen sind und das alles Schwülstige fehlt. Modern klingt immer ein wenig seltsam, jedoch orientierte sich nicht nur van Gogh an Puvis de Chavannes, sondern auch Maurice Denis. Picasso kopiert gar seinen Genevieve-Zyklus.

Camille Corot Landschaft Lyon
Camille Corot L`Atelier Lyon
Camille Corot La Rue des Saules a Montmartre Lyon

Camille Corot ist ein Hauptvertreter der Schule von Barbizon. Diese Schule war die Zündschnur für die impressionistische Bombe, die so vieles in der Kunst – bis in unsere Zeit – radikal verändern sollte.

Was jedoch nicht sagt, dass diese Neuerungen alle Bestand haben werden. A priori wird Einigens mit der Zeit revidiert und Anderes gar verschwinden. Waren die Bilder von Millet wie die Ährensammlerinnen oder die Steinklopfer von Courbet zu ihrer Entstehungszeit als sozial realistische Bilder radikal, so wirken, wie gerade die Ährenleserinnen, heute eher sentimental-romantisch. Vier schöne kleine Gemälde von Corot sind im Musée des Beaux-Arts in Lyon zu sehen. Das stille Atelierbild mit einer jungen Frau und drei Landschaften.

Camille Corot Paysage Lyon

Mit diesem kleinen Corot sind wir ganz nah am Impressionismus. Landschaft, Figuren, Häuser und Bäume sind geradezu hingehaucht.

Im Malprozess ist die flirrende Unschärfe eingebaut, die bei Monet endgültig durchbricht. Die Unschärfe als Prinzip wird uns noch beschäftigen. Es ist nicht das Sfumato der alten Meister um den Hintergrund verschwimmen zu lassen, oder die Kontur malerisch aufzulösen. Die Unschärfe geht über das gesamte Bild und wird Prinzip. Das Prinzip einer Impression.

Jean Achard Landschaft Museum Lyon

Das Leben ist ungerecht! Jean Achard hat noch nicht mal einen ins Deutsch übersetzten Wikipedia Eintrag.

Er ist einer von sehr vielen aber auch ein sehr guter Landschaftsmaler. Immerhin gehörte er zur Schule von Barbizon. Das Musée des Beaux-Arts in Lyon hat kein sehr großes, dafür ein um so feineres Bild von ihm in der Sammlung, mit einer so einfach wie bestechenden Komposition. Klar gemalter tiefer, leuchtend blauer Himmel und wie bei Courbet Schatten-Licht-Schatten-Licht des Himmels.

Claude Monet Eine Brücke Museum Lyon
Claude Monet Meerbild Museum Lyon
Claude Monet Le Printemps Museum Lyon

Und hier sind sie! Drei kleine und schöne Bilder von Monet – zu sehen im Museum der schönen Künste zu Lyon.

Es sind keine Ikonen des Meisters aber diese Bilder verdeutlichen sehr gut, was mit Impressionismus gemeint ist. Vor allem das Bild mit der Brücke und dem sich diffus im Wasser spiegelnden Sonnenlicht hatte es mir angetan. Das Meerbild dagegen mit seiner Maltechnik des Impasto und seiner Pinselführung eine van Goghsche Komponente. Sehr fein ist der blühende Baum.

Eugene Carriere Ernest Chausson und seine Familie 1895
Eugene Carriere Selbstportrait Museum Lyon
Eugene Carriere Portrait 1905

Das Leben ist nicht immer ungerecht. Die vom Menschen gemachte Kunstgeschichtsschreibung aber oft.

Eugene Carriere war ein Zeitgenosse der Impressionisten. Zu seinen Freunden gehörten Auguste Rodin, Paul Gauguin und seine Schüler Matisse und Derain. Lebendig durch die Kunstwelt spazierend war er nicht nur beliebt und bekannt, sondern – wenn auch spät – erfolgreich und galt als einer der bekanntesten Künstler seiner Zeit. Nach seinem Tod geriet er schnell ins Abseits und später überdeckten die omnipräsenten Impressionisten sein Werk. Bei Licht und aufmerksam betrachtet ließen sich Bezüge zu Gerhard Richter herstellen.

Warum also wird Eugene Carriere in unserer Zeit so stiefmütterlich behandelt? Wir wollen farbige, wenn nicht gar bunte Bilder sehen.

Langsam fing es mit Manet und Monet an. Van Gogh wurde schon intensiver und Maurice de Vlamick, der Begründer des Fauvismus, trieb es noch doller. Danach der Expressionismus und letztlich die Pop-Art. Sie ließ das Fass der Farbigkeit überlaufen. Spätestens seit dem, haben es gedeckte Töne in der Malerei schwer. Drei schöne Beispiele von Carriere sind im Museum zu Lyon zu sehen. Ein seltenes Ereignis für das Auge eines deutschen Museumsbesuchers.

Paul Gauguin Herrliche Tage 1896

Gauguin`s Gemälde ist farbig und nicht bunt. Auch dieses Bild ist ein wirkliches Ereignis und eine der Stellen zum Innehalten. (Herrliche Tage) Nave Nave Mamana ist ein Bild, dass auf seinen ersten Tahitiaufenthalt zurückgeht.

Als er die Gemälde dieser Zeit nach seiner Rückkehr in Paris ausstellte, wurde er von Künstlerfreunden gefeiert. Die kleinbürgerliche Kunstöffentlichkeit und selbst ernannte Kunstexperten überschütteten ihn mit hämischen Spott. Auch Gauguin musste bis an sein Lebensende warten, ehe er einigermaßen von seiner Kunst (über)leben konnte. 1900 schloss der Maler einen Vertrag mit dem Kunsthändler Ambroise Vollard, der später auch den jungen Picasso vertreten sollte. So bekam Gauguin noch drei Jahre – bis zu seinem frühen Tod – ein schmales aber immerhin regelmäßiges Einkommen. Zahlte man schon kurz nach seinem Tod 3000 Francs für ein Gauguin-Gemälde, so soll in 2015 das Gemälde „Nafea faa ipoipo“ für 300 Millionen Dollar nach Katar gegangen sein.

Dem Museum in Lyon kommt der Verdienst zu als erstes Museum überhaupt bereits 1913, zehn Jahre nach seinem Tod, dieses Gemälde erworben zu haben.

Eduard Manet frühes Bild Cavaliers espagnols

Ein weiteres „Frühchen“ in dem Lyoner Museum für feine Künste. Diesmal ein Manet vor dem Manet wie wir ihn kennen.

Cavaliers espagnols malte er mit 28 Jahren. Aus der Zeit stammt auch der Absinthtrinker, der auf dem Salon von 1859 abgelehnt wurde und heute in der Carlsberg Glyptotek hängt. Bei diesen zwei Bildern fällt sofort die Unschärfe ins Auge, welche wir von Eugene Carriere kennen. Diese hat, auch in seiner Farbigkeit, nichts mit dem späteren und viel farbigeren impressionistischen Farbauftrag Manets zu tun.

Eduard Manet Portrait de Marguerite Gauthier-Lathuille

Das später gemalte Porträt von Marguerite Gauthier-Lathuille ist im Duktus schon näher an dem späteren Manet, aber seltsamerweise auch recht monochrom im Verhältnis zu anderen Werken von seiner Hand aus dieser Zeit. Es wurde 1902 erworben. Eventuell entsprach dieses Bild dem individuellen Geschmack des damaligen Erwerbers.

Edouard Manet Jeune fille dans las fleurs

Der dritte Manet des Hauses ist eine malerische Skizze oder ein früh abgebrochenes Gemälde.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Manet so skizzenhaft ein Bild begann und es dann Schritt für Schritt verdichtete. Da dieses Bild ziemlich spät und in dem Jahr auch „Beim Pere Lathuille“ entstand, kann man sehr schöne Bezugspunkte erkennen. Die Hände der Madame und auch ihr Kostüm weisen die gleiche flüchtig-impressionistische Pinselführung auf. Bei dem Lyoner Bild fehlt jedoch jegliche Verdichtung, so das ich vermute, es handelt sich um ein begonnenes oder aber verworfenes Gemälde.

Renoir Jeune fille au ruban bleu

Natürlich ist auch der impressionistische Maler-Onkel mit den Bonbon Farben bei dem Fest der Künst dabei.

Ja ich weiß, diese Äußerung ist despektierlich. Ich liebe Renoir und gerade deswegen darf ich ihn so nennen, kommt er mir doch wirklich wie ein Onkel vor.

Auch ihn trifft die harte Realität des Künstlerlebens. Kritiker verreißen ihn nicht, im Gegenteil, loben sie seine Bilder ob ihrer Frische und Lebendigkeit. Trotzdem war er so arm, dass er nicht jeden Tag essen konnte. Auch als er dann einen Kunsthändler hatte, gab dieser Renoir nur die nötigen Mittel, damit er sich ein Atelier leisten konnte. Zum Lebensunterhalt blieb kaum etwas übrig.

Mitte 30 änderte sich seine Lage, als er vermögende Leute kennenlernte und diese porträtierte.

Außerdem ist Renoir ein Sonderfall innerhalb der Gruppe der Impressionisten. Bauten die Meisten seiner Mitstreiter im Verlauf ihres Lebens die impressionistische Malweise aus und brachten diese zu einem Höhepunkt oder gar darüber hinaus, so fand Renoir den Mut sich „rückwärts“ zu orientieren. Nach einem Italien Aufenthalt und der intensiven Beschäftigung mit Raffael und zu Haus auch mit Ingres, lies er vom Spontanen ab und mühte sich um klare klassizistische Formulierungen in seinem Werk. Das beste Beispiel aus dieser Zeit sind „Die großen Badenden“. Sein farbenfrohes Kolorit blieb jedoch erhalten. Renoir ist eigentlich ein schönes Beispiel um einen Diskurs über die Linearität der Kunstentwicklung zu beginnen. Dies soll hier jedoch nicht mein Thema sein.

Edgar Degas Danseuses sur la scene

Im Lyoner Kunstmuseum sind nicht alle Impressionisten beisammen, aber Einer durfte nicht fehlen.

Edgar Degas mit seinen Tänzerinnen. Das Bild Danseuses sur la scene ist nicht groß aber ein Großes in jedem Fall. Wieder ein skizzenhaftes aber trotzdem reizvolles Bild. Wenn ich weiter oben im Text über Degas behaupte, er ist den Impressionisten zuzuordnen, kann dies bald schon anders sein. Denn eigentlich ist er genauso gut ein Realist. Jedenfalls wenn man seine Bilder in einem sozialem Kontext betrachtet. Die Tänzerinnen sind wie ein künstlerisches Programm und fallen uns zuerst ein, wenn wir seien Namen hören.

Pierre Bonnard Fleurs sur une cheminee au Cannet

Pierre Bonnard stand immer ein wenig am Rand des Kunstgeschehens und war trotzdem ein sehr erfolgreicher Maler.

Vielleicht gerade deshalb attackierte Christian Zervos – als Sprachrohr der Moderne – die Ausstellung von Bonnard 1947 in Paris scharf und unerbittlich. Er meinte, man müsse gegen den Impressionismus rebellieren und jeder Fortschritt habe radikal zu sein und sich immer mehr von der Realität zu entfernen, als in ihr zu verharren. Zervos gab ein Werkverzeichnis von Picasso heraus und stand vermeintlich auf der Seite der Avantgarde. Nichts Neues in der Welt des Kunstdiskurses möchte man meinen, denn auch heute gibt es derartige Scheingefechte. Mit dem Unterschied, dass es zu Zeiten Bonnards wirklich noch eine „Entwicklung“ der Kunst gab. Heute leben wir in einem absoluten Pluralismus der Stile und die eigentliche stilistische Entwicklung ist in der Malerei mit dem schwarzen Quadrat mehr oder wenige zu einem Ende gekommen. Freilich gehörte Bonnard wirklich zwei Welten an. Einerseits der Künstlergruppe die Nabis zusammen mit Gauguin aber auch Duchamp, der seinen Ekel vor der Affekt haschenden Kunst offen artikulierte, und andererseits Picasso der mit seinen Les Demoiselles d`Avingnon 1907 die Kunst kubistisch zerlegte.

Bonnard war ein Maler der intimen Privatheit und hatte wahrlich nichts Spektakuläres an sich.

Solche Künstler haben es in der Wahrnehmung immer schwer, sind mir aber allemal lieber als die Lärmenden, jüngst als „geniale Dilettanten“ bezeichneten Zeitgenossen. Aber auch die stillen Künstler vermögen Kollegen zu inspirieren.

In Amerika mehr geschätzt als in seinem eigenen Land hinter lies er Spuren in den Werken von Morris Louis und Mark Rothko.

Edouard Vuillard Bouquet de fleurs 1932-35

Bonnards Freund Eduard Vuillard darf in der Sammlung natürlich nicht fehlen. Stilistisch sehr nah bei seinem Freund, hier jedoch auch nur mit einem kleinen skizzenhaften Bild vertreten.

Dieses aber macht diese Sammlung sympathisch, wird man doch an anderen Orten oft durch die großen „Kunstklötze“ erschlagen. Zusammenfassend ist die Sammlung dieser Epoche im Musée des Beaux-Arts in Lyon eine Lyrische. Wenn ich das so beschreiben darf.

Edouard Pignon Einzelausstellung in Lyon
Edouard Pignon in Lyon

Bevor man in die Räume der Nachimpessionistischen Kunst gelangte, sah man eine Einzelausstellung des Malers Edouard Pignon. Pignon ist stark von Picasso beeinflusst. Für mein Gefühl fast zu stark. Und um es offen zu sagen. Ich habe meine Schwierigkeiten mit diesen Bildern und auch ihre Farbigkeit der 50iger Jahre trifft nicht meinen Nerv.

Sonia Delaunay Museum Lyon

Hat man Pignon bewältigt, kommt man in die abstrakt, kubistisch-surrealistische Abteilung.

Auch hier interessante Beispiele und fast ein kunstgeschichtlicher Diskurs. Robert und Sonia Delaunay sind mit schönen Arbeiten vertreten. Robert begann als Neoimpressionist und kam über den Kubismus und den blauen Reiter zu einer eigenen Bildsprache. Er kann als einer der ersten abstrakten Maler gelten. Seine Kreisbilder sind zum Markenzeichen geworden. Wie es späterhin noch viele Markenzeichenmaler geben wird, die dann durchaus auch im Kunstmarkt so wahrgenommen und gebraucht werden.

Von manchem Künstler/mancher Künstlerin werden diese Markenprodukte bis zum Erbrechen produziert und auch so vermarktet. Das Coca Cola Zeitalter hat begonnen.

Georges Braque Violine Museum Lyon

Ein Schatz. Die Violine von Braque, dem ewig in Picassos Schatten Stehenden.

Auch er begann im späten Impressionismus und hatte eine fauvistischen Schaffensphase, ehe er zusammen mit Picasso den Kubismus erfand. Im Gegensatz zu Picasso, der in riesigen Schritten seine Kunst weiter voran trieb, malte Braque nach einer schweren Verwundung im ersten Weltkrieg vornehmlich Stillleben und entwarf Glasfenster für Kirchen. Er nahm an drei Dokumenten teil und kann als einer gelten, die auch nach dieser Auszeichnung ihren großen Namen behielten.

Henri Hayden Die drei Musiker Museum Lyon

Epigonen gibt es viele. Nicht nur in der Kunst. Und manche Arbeiten sind auch erst auf den zweiten Blick vom Vorbild zu unterscheiden.

Rembrandt bildete seine Nachahmer höchstpersönlich in seiner Werkstatt aus und verkaufte auch dessen Bilder. Aber diese Methode zur Renditesteigerung konnte auch mächtig schief gehen. Govert Flink war ein gelehriger Schüler seines Meisters und ausgesprochen geschäftstüchtig, denn er nahm seinem Lehrer später lukrative Aufträge weg. Das gelang natürlich nur, weil sich der Schüler marktopportunistisch benahm. Und dies ist seinen Bildern auch deutlich anzusehen.

Nicht jeder Schüler ist stark genug sich von seinem Meister wirklich zu lösen. Egal ob Ost, wo man viele kleine Heisige malen sieht oder West, wo viele Epigonen von Lüpertz mit dicken Ringen auf den Fingern in einschlägigen Bars anzutreffen sind.

Auch hier im Kunstmuseum von Lyon ist ein herrliches Beispiel von Epigonentum in geradezu musealer Qualität zu bewundern. Der Pole Henryk Hayden begann wie so viele als Postimpressionist. Umgezogen nach Paris traf er jedoch auf Picasso und schon war es um ihn geschehen. Wie eine Kölner Galeristin über einen ihrer Künstler einmal bemerkte, dieser sei ein Beuys für Arme, so ist – lästerlich – Henryk Hayden ein Picasso für Arme. Ordentlich gemacht, aber mit falscher Signatur.

Henri Laurens Aurora Museum Lyon
Picasso Femme assise sur la plage Museum Lyon

Wie auf Zuruf ist dann auch Picasso`s Gemälde „Femme assise sur la plage“ zur Stelle um meine Hypothese Henri Laurenz betreffend zu illustrieren.

Picasso Le Buffet du Catalan Museum Lyon

Auch ein zweiter Picasso ist in der Sammlung. Als wäre es Programm, sind es keine spektakulären Stücke aber durchaus Werke, die man gern sieht.

Fernand Leger Zwei Frauen mit einem Blumenstrauß
Fernand Leger Museum Lyon

Natürlich darf im Reigen Fernand Leger nicht fehlen. Zwei schöne Beispiele vervollständigen den Kunstlehrpfad.

Andre Masson Niobe Museum Lyon

Und dann kommen doch noch einige Stücke, die das Bild breiter auffächern und die nicht zum engen Kanon gehören, den zahlreiche Museen anbieten. Andre Masson, auch vom Kubismus kommend, vermochte es sich davon zu lösen und schloss sich den Surrealisten an. Masson ist ein Vorreiter des Unbewussten in der Kunst und hatte durchaus starken Einfluss auf deutsche Maler wie zum Beispiel Bernhard Schulze.

Victor Brauner im Museum von Lyon

Man kann schon mal bei den Surrealisten raus fliegen, wenn man sich nicht an die Vereinbarungen hält.

Lyrisch dichten – das geht gar nicht. Dies tat aber Victor Brauner – der aus Rumänien stammende – und wurde aus dem erlauchten Kreis ausgeschlossen. Auch Brauner ist weitestgehend in Vergessenheit geraten. Sein Werk umkreist die Pole Giorgio de Chirico, Max Ernst oder auch Yves Tanguy. In den subtileren Werken scheint auch Paul Klee Pate gestanden zu haben. Insgesamt ein sehr heterogenes Werk mit einigen herausragenden Arbeiten. Lyon hat eine besonders schöne Arbeit in seiner Sammlung.

eo.

Winfredo Lam Le Confidence
Winfredo Lam La Femme au couteau

Daneben – wirklich passend – ein geborener Kubaner mit chinesischem Vater – Wifredo Lam mit zwei sehr schön zusammenpassenden Gemälden.

Paris war in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein Sammelbecken für Künstler. Man musste einfach dort sein, wie heute in New York oder auch Berlin. Erstaunlich, wie schnell die Bedeutung dieser europäischen Kunstmetropole verblasst ist. Impulse die so wirken wie damals sendet sie schon lange nicht mehr aus. Damals führte Picasso den jungen Künstler in die surrealistischen Kreise ein. Lam übernimmt zwar viele Elemente der damaligen europäischen Avantgarde, behält aber kultische Symbole seiner Heimat bei und übersetzt sie in die Moderne.

Pierre Bettencourt im Museum Lyon

Da hilft auch nicht das deutsche Wikipedia und selbst der französische Eintrag ist äußerst mager. Pierre Bettencourt überzeugt mich wirklich nicht.

Freilich ist es subjektiv. Ich finde sein Werk dürftig dekorativ und in dem was er darstellt pubertär. Dies ist einer der wenigen Ausrutscher, die ich in der Sammlung ausmachen konnte.

Marc Chagall La Corbeille de fruits

Auch er darf natürlich nicht fehlen. Chagall. Zugegeben eine schöne Arbeit, die sich für einen Wandkalender gut eignet. Sie merken, er ist nicht mein Fall. Zu dem naiv-süßlichen Darstellungen habe ich nie einen rechten Zugang finden können.

Raoul Dufy Le Cargo noir

Zum Schluss für heute noch einen Roul Dufy. Flott hingeworfen und dann überschreiten wir die Schwelle zu Informell.

Aber davon später. Ich bin vom Rundgang erschöpft.

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