Thomas Gatzemeier Die mystische Möhre
Plötzlich ist es da. Ein Raumschiff als Möhre. Diese mystische Möhre taucht in Thomas Gatzemeier`s Werken des Öfteren auf.
Da Raumschiffe und Möhren bewegliche Gegenstände sind, kann man diese überall antreffen, weil sie in fast jedes Bild passen.
Thomas Gatzemeier Die mystische Möhre schafft eine neue Welt auf alten Gemälden.
Kunstkennerinnen und Kunstkenner würde sofort bemerken, dass diese Kombination zu simpel ist um als Kunst durchzugehen.
Die schwierige Balance zwischen Fiktion und Wirklichkeit gelingt unter Einsatz realistischer Mittel am besten.
Der Zyklus „Die mystische Möhre“ von Thomas Gatzemeier ist keine ironische Fingerübung, kein dekoratives Spiel mit einem Gemüse.
Die Möhre ist hier vielmehr Setzung – ein Eingriff. Sie tritt auf in einer Bildwelt, die ihr historisch nicht gehört. Und gerade deshalb entfaltet sie ihre Wirkung.
Malerei-Collage auf Heliogravüren – Eingriff in die Geschichte
Die Arbeiten entstehen als Malerei-Collagen auf Heliogravüren der Jahrhundertwende die erstmals detailgetreu die Reproduktion von Kunstwerken erlauben. Diese historischen Drucke – mit ihrer Patina, ihrem feinen Grauwert, ihrer gedämpften Noblesse – bilden den Ausgangspunkt. In diese Vergangenheit greift Gatzemeier mit malerischen Interventionen ein: Käfer, Vögel, leuchtende Farbflächen – und eben jene Möhre.
Die Technik steht in einer kunsthistorischen Tradition, ohne sich ihr zu unterwerfen.
Man denkt an die Übermalungen von Arnulf Rainer, an die Hybridisierung von Druck und Malerei bei Sigmar Polke oder an die Verwendung historischer Drucke bei Max Ernst. Doch „Die mystische Möhre“ ist keine Appropriation Art im engeren Sinne. Die historischen Vorlagen werden nicht bloß zitiert – sie werden verwandelt.
Gatzemeier behandelt die Heliogravüre nicht als sakrosanktes Dokument, sondern als offenes Feld. Die Geschichte ist hier Material. Und Material darf bearbeitet werden.
Die Möhre als Störung – oder als Heilszeichen?
Warum eine Möhre?
Vielleicht gerade deshalb, weil sie unprätentiös ist. Ein Wurzelgemüse, alltäglich, unspektakulär. Und doch: In der Bildfläche, die von eleganten Gesellschaftsszenen, pastoralen Idyllen oder symbolistisch aufgeladenen Figuren bevölkert ist, wird sie zum Fremdkörper.
Die Möhre ist Signal. Farbiger Akzent. Widerstand gegen das rein Historische. Sie durchbricht die melancholische Geschlossenheit der alten Welt.
Man könnte sagen: Die Möhre steht für Gegenwart. Für Erdung. Für Ironie.
Oder für das Beharren des Lebendigen.
In manchen Blättern wirkt sie wie ein Heilszeichen, in anderen wie ein Kommentar. Immer aber zwingt sie den Blick zur Neubewertung. Das Auge kann nicht mehr in der historischen Szene verweilen, ohne die Intervention mitzudenken.
Die mystische Möhre zwischen Ernst und Spiel
Der Zyklus bewegt sich bewusst zwischen Ernst und Spiel. Der Titel „Die mystische Möhre“ trägt bereits eine leise Provokation in sich. Mystik und Gemüse – das scheint zunächst unvereinbar. Doch gerade in dieser Reibung entsteht ein poetischer Raum.
Gatzemeiers Humor ist dabei nie laut. Er ist präzise. Die Übermalungen sind nicht dekorativ aufgesetzt, sondern malerisch entschieden. Farbe, Linie und Platzierung folgen einer inneren Logik. Die Collage wird zur Bühne, auf der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verhandelt werden.
Eigenständige Position
Wichtig ist: „Die mystische Möhre“ behauptet eine eigenständige künstlerische Haltung. Zwar knüpft der Zyklus an Strategien der Moderne an, doch er wiederholt sie nicht.
Hier geht es nicht um Zerstörung der Vorlage, sondern um Dialog.
Nicht um Ironisierung der Kunstgeschichte, sondern um ihre Öffnung.
Die historische Heliogravüre wird nicht entwertet – sie wird aktiviert.
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INFOBOX zu Thomas Gatzemeier Die mystische Möhre und dessen Stil
1917 tauchte zum ersten Mal – aus dem dumpfen NICHTS – der Surrealismus auf. 1924 etablieret er sich zum Stil. Allerdings nicht nur dies, denn er war eine Lebens- und Geisteshaltung der damaligen Avantgarde. Seine Grundlage ist das Unwirkliche, welches auf Träumen gründet, die fantastische Welten eröffnen. Dieser Surrealismus ermöglicht einen erweiterten Blick auf die Niederungen der real existierenden Gegenwart.
Mit diesen neuen Erkenntnissen sollte ein Gegengewicht zu den verfestigten Normen des restaurativen Bürgertums geschaffen werden.
Natürlich lassen sich auch mystische Möhren erwerben, sobald sie malerisch fixiert sind.









