10.Transamazonas Nahe der Todeszone

10.Transamazonas „Nahe der Todeszone!“

Die Tücher hängen schlaff an den Masten. Keiner hat die Kraft da hoch zu steigen. Es ist alles egal. Unerbittlich brennt die senkrecht über uns stehende Sonne auf Deck und Mensch. Im Schiffsrumpf ist kein Aufenthalt mehr möglich.

Der restliche Proviant verdorben – es stinkt bestialisch. Ratten nagen an herumliegenden aufgedunsenen Menschenkadavern, die trotz Befehl nicht über die Reling geschmissen wurden. Die letzte Gallone mit einem kleinen Rest Wasser haben sich der Kapitän und seine Offiziere gesichert. Sie sitzen bewaffnet beim Rudergänger. Apathie. Hinter der Kiste, in denen die Taue verstaut sind, Vorderschiffs, rotten sich die Überlebenden zusammen. Als sie sich entschließen anzugreifen, dröhnen Schüsse über das spiegelglatte Meer.

Drei der Männer schlagen getroffen auf die Planken. Die Unverletzten müssen unter vorgehaltener Waffe ihre Kameraden über Bord werfen.

Nach kurzem Kampf gegen das Wasser treiben sie neben den anderen Leichen um den Dreimaster. Ihr Blut – Schlieren auf dem spiegelglatten trägen Wasser. Ein Hai schießt blitzschnell heran und reißt dem Obermaat einen Arm ab. Nach dem er den Arm unter Wasser verschlungen hat, drückt er die Leiche mit der Nase immer wieder an den Rumpf. Man hört den dumpfen Aufschlag seines Schädels. Der Klang einer hölzernen Glocke. Plötzlich brodelt das Wasser als würde es sieden. Es dauert nur wenige Minuten und es sind nur noch einige Fleischfetzen zu sehen. Eine Hand treibt abseits, als wöllte sie ein Zeichen geben oder eine letzte Gabe erheischen. Ein tropischer Regenguss verlängert das Sterben. Er wird nicht helfen.

Als ich meine Siesta beendet hatte, duschte ich und trocknete mich schnell ab, weil ich eine Gänsehaut bekam.

Die Klimaanlage war vom Zimmerservice nahe der Todeszonezu kalt eingestellt worden. Das philippinische Zimmermädchen braucht seit einigen Tagen meinen Pyjama nicht mehr zusammenzulegen. Nachts schlafe ich gern bei offener Balkontür. Das Rauschen des Wassers beruhigt mich. Sie hatte alle Lichter angelassen. Vermutlich eine Dienstvorschrift, um exakt reinigen zu können. Maximal 10 Minuten darf ich, ohne eingecremt zu sein, auf dem Balkon sitzen. Vom Meer geht eine beängstigende Ruhe aus. Man spürt lediglich den Fahrwind und hört das monotone tuckern der Schiffsdiesel. Nachdem ich meine E-Mails beantwortet habe, werde ich einen Eiskaffee trinken, bevor ich mich wieder dem Publikum zur Verfügung stelle.

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