Gute Kunst gibt es nicht

Behauptungen zu einer Behauptung.

Bei der Beschäftigung mit dem Kunstbegriff ist es unvermeidlich, die strapazierte Redewendung „Kunst kommt von Können“ zu hinterfragen, um letztendlich zu entdecken – gute Kunst gibt es nicht.

Das Gradierwerk in Bad Kösen hat eine Länge von 320 Metern und ist zwischen 18 und 20 Meter hoch
Das Gradierwerk in Bad Kösen hat eine Länge von 320 Metern

Das Können oder anders ausgedrückt die Fähigkeit, imstande zu sein, etwas zu vollbringen, was der Sache nach einen Zweck erfüllt, ist der Ausgangspunkt jeglicher Kunstfertigkeiten.

Das Gradierwerk in Bad Kösen besitzt einen Aufstieg zum Oberdeck in 20 Meter Höhe
Gradierwerk Bad Kösen | Aufstieg zum Oberdeck in 20 Meter Höhe
Das Gradierwerk in Bad Kösen ist eine herausragende Wasserkunst mit europäischer Bedeutung.
Das Gradierwerk in Bad Kösen ist eine wirkliche Wasserkunst
Das Gradierwerk Bad Kösen ist eine große Wasserkunst zur Salzgewinnung und wird heute medizinisch von der Kurklinik verwendet.
Gradierwerk Bad Kösen | Wasserkunst zur Salzgewinnung

Dies gilt für die ärztliche Kunst ebenso wie für die Liebeskunst. Für die Baukunst und die Kunst zu musizieren ohnehin. Der Künstler jedes Faches beherrscht sein Metier mindestens zu dem Maß, welches notwendig ist, um seiner jeweiligen Profession Genüge zu tun. Kunstfehler können in der Medizin tödlich sein und sind in jedem Fall auf die Abwesenheit von Kunst zurückzuführen. Die fehlende Kunst eines Seiltänzers wird mit Absturz und den entsprechenden Folgen quittiert.

Versagen ist dem Erdbewohner eigen, ohne dass die Auswirkungen immer derart drastisch und unmittelbar manifest werden wie in den oben benannten Fällen.

Als Baukunst feste Hüllen zu bezeichnen, in denen sich Menschen schlecht oder erniedrigt fühlen, ist gang und gäbe.

Häufig sind Neubauten von Museen, die der Kunst dienen sollten, Opfer des zeitgenössischen, kunstlosen Größenwahns. Zweckfreie Leerräume unmenschlichen Ausmaßes sollen imponieren und lassen den Besucher ratlos zurück, da sie zweckloser als jedes noch so gigantische Grabmal unserer Vorfahren sind. Sie sind lediglich raumgewordenes Imponiergehabe.

Brücken, die einstürzen, verlieren spätesten nach diesem Ereignis ihren „Kunststatus“.

Andere bauliche Hinterlassenschaften werden nach wenigen Jahrzehnten abgerissen und vernichten nicht nur Geld, sondern belasten auch die Umwelt. Haften muss weder der Auftraggeber noch der den Bau Ausführende. Bauwerke, die Kunst genannt werden und auch solche sind, bewahren diese Aura über eine Zeit, die lediglich durch den natürlichen Zerfall beschränkt ist. Die Menschen identifizieren sich mit ihnen und werden im besten Falle eins mit den Gebäuden, in denen sie Wohnen und von denen sie umgeben sind.

Andere vom Menschen als Kunstwerke bezeichnete Hervorbringungen sind dienend.

Nehmen wir als Beispiel die Wasserkunst. Kunstvolle Anlagen zur Be- und Entwässerung sind seit Tausenden Jahren bekannt und haben die städtische Zivilisation und die moderne Landwirtschaft erst ermöglicht. Diese Kunst teilt sich in zwei Bereiche. Ich nenne sie der einfachhalber, die nützliche und die schöne Wasserkunst. Im besten Falle ist das Nützliche mit dem Schönen vereint.

Soleförderanlage mit Kunstgestänge zum Gradierwerk in Bad Kösen
Soleförderanlage Kunstgestänge

Die Initialzündung meiner hier aufgeschriebenen Gedanken verursachte das Gradierwerk von Bad Kösen.

1779/80 erbaut, funktioniert es bis in die gegenwärtige Zeit in allen seinen Teilen. Allein durch Wasserkraft angetrieben diente es der Salzgewinnung und in der gegenwärtigen Zeit medizinischen Zwecken. Dieses Gradierwerk ist einerseits seines Zweckes wegen ein geniales und noch heute einmaliges Kunstwerk und vermag auch in technischer Hinsicht zu überzeugen. Das eigentliche Gradierwerk ist ein monumentales Holzgerüst, welches mit Reisigbündeln belegt ist durch und über die salzhaltige Sohle geleitet wird. Das zum Zeitpunkt des Baus wertvolle Salz lagerte sich ab und konnte nach einer gewissen Zeit „geerntet“ werden. Die Ablagerung geschieht durch gradieren – also durch die Anreicherung des Salzgehaltes der Sole durch Verdunstung.

Die Salzablagerung auf dem Reisig des Gradierwerks in Bad Kösen wurden früher entfernt und als Salz gewinnbringend verkauft.
Salzablagerung auf dem Reisig des Gradierwerks

Gradierwerke sind ein typisches Beispiel des Prinzips Form follows function.

Also ist der Funktion und der Ästhetik nach das Gradierwerk von Bad Kösen Kunst. In jeder Hinsicht große und bedeutende Kunst. Gute Kunst gibt es nicht, – große jedoch schon. Und Bedeutende. Es gibt übrigens ein Genre, welches sich freiwillig Kleinkunst nennt.

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Im Gegensatz zu dem soeben beschriebenen bedeutenden Wasserkunstwerk lässt der Brunnen auf dem Eutritzscher Markt in Leipzig jegliche Kunst vermissen.

Der Eutritzscher Markt in Leipzig ist eine der Bausünden der 1990er Jahre und kann nur mit Bonjour tristesse betitelt werden. Ein kahler, unbelebter Platz.
Bonjour tristesse | Der Eutritzscher Markt in Leipzig

Formal nicht an eine Übung im Leistungskurs BK der Klassenstufe 8 heranreichend ist er ein Schandfleck und dysfunktional wie die Platzgestaltung insgesamt.

Der Mensch wendet sich ab und es entsteht eine Ödnis, die auch durch ein Coronatestzentrum nicht gefüllt werden kann. Von der Ressourcenverschwendung solcher jeder Kunst entbehrenden Bausünden nicht zu sprechen.

Spätestens hier stellt sich die Sinnfrage: Ist dies „schlechte Kunst“? Nein. Denn gute Kunst gibt es nicht, – folgerichtig kann es auch keine schlechte Kunst geben.

Seit vielen Jahren gammelt der defekte Brunnen am Eutritzscher Markt in Leipzig vor sich hin
Defekter Brunnen | Eutritzscher Markt Leipzig

Gute Kunst und schlechte Kunst kann es also nicht geben, weil sich schlecht und Kunst dem Sinne nach gegenseitig ausschließen.

Was schlecht ist, kann nicht zugleich Kunst sein. Andererseits gibt es Kunstwerke, die bedeutender sind als andere Kunstwerke. Diese Betrachtungsweise ist jedoch oftmals zeitabhängig, weil der subjektiven Wahrnehmung des Menschen unterworfen. Wahrnehmungen sind wiederum von kulturellen Prägungen bestimmt. So sind Künstler und deren Theoretiker einerseits höchst subjektiv und äußern ihre Meinung oftmals aufgrund von Partikularinteressen.

Der Eutritzscher Markt in Leipzig mit Corona Testzentrum 2022 macht selbst bei sonnigen Wetter einen trostlosen Eindruck.
Eutritzscher Markt mit Corona Testzentrum 2022

Die Kunst – in Bezug auf die bildende Kunst – ist spätestens seit Beginn der sogenannten Moderne eine Behauptung und wird durch Schichtung zu Humus.

Dabei werden spätere Grabungen ergeben, welche dieser Schichten fruchtbar waren und welche toxisch oder zumindest Inhaltsstoffarm. Auf alle Fälle wird sich herausstellen, dass vieles mit dem Schild Kunst versehene diese Bezeichnung nicht verdiente.

Bei oberflächlicher Recherche trifft man auf nichtssagende Kunstbegriffserklärungen wie „schöpferisches Gestalten“ „Auseinandersetzung mit Natur und Umwelt“, „kreativer Prozess“ etc. Erörterungen zur handwerklichen Ausführung und deren kritische Hinterfragung nimmt man eher nicht wahr.

Die Mechanik im Förderschacht des Gradierwerkes Bad Kösen ist große Kunst.
Soleschacht | Bad Kösen | Teil der Mechanik des Förderwerkes

A priori beschäftigt sich die zeitgenössische Kunsttheorie, obwohl genau das Gegenteil nötig wäre, vorwiegend mit Bild- und Inhaltsbeschreibungen, anstatt den Versuch zu unternehmen, den Kunstwert von Artefakten zu hinterfragen.

In einer Epoche der ichbezogenen Oberflächlichkeit müssten die Hervorbringungen des Kunstbetriebes einer sorgsamen Analyse unterzogen werden. Wenn sich Kunst und Kunsttheorie gleichermaßen auf Klickratenniveau bewegen, ist der Nutzen für die Gesellschaft letztendlich bei null und der Betrieb macht sich überflüssig. Da sich die Kunsttheorie mehr und mehr um den Betrieb als um deren Produkte kümmert, verlässt sie die Kunst als Gegenstand der Betrachtung und somit den eigentlichen Diskurs.

Cristian Saehrendt wagt in der Neuen Züricher Zeitung mit seinem Artikel So viel schlechte Kunst! Aber woran soll man sie erkennen?

Dieser Versuch einer Analyse kann sich jedoch auch nicht vom Kunstbegriff trennen. Zeigt jedoch wichtige Parameter auf, über die zu sprechen wichtig wäre.

Weitere Überlegungen eines Praktikers zur Kunst lesen Sie hier.

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