Bramantino in Lugano vom Frühwerk angetan
Meine Neugier wurde durch eine Sendung im Deutschlandfunk geweckt, und da die Gegend auch zur Erholung taugt, plante ich einen Besuch im Museo Cantonale d’Arte ein, ehe das Glas zum neuen Jahr hin erhoben wurde.
Das ein neues Jahr unweigerlich seinen Anfang nimmt stand fest, dass ich die Bramantino-Ausstellung verstört verlassen würde, jedoch nicht. Im Ausstellungshaus wies die Aufsicht den Weg in die obere Etage, in der die Frühwerke Bramantinos hingen. Ich war angetan, erwartete ich doch einiges aber nicht das. Der auferstandene Christus zeigte sich so verwirrend realistisch gemalt, als hätte man ein Bild aus den 1920er Jahren vor Augen. Pure neue Sachlichkeit kurz vor 1500 unserer Zeitrechnung.
Der Beweis der Kontinuität der Kunst war – ganz allein für mich erbracht. In unserer von Novitätenwahn geplagten Zeit tut es gut, in früher Kunst das Handwerk eines Christian Schad oder gar eines Balthus zu entdecken.
Liebe Kunstwissenschaftler nehmen sie ihre über dem Kopf zusammengeschlagenen Hände wieder herunter.
Es nützt übrigens auch nichts, sich die Augen zuzuhalten. Es ist so! Und es kommt noch besser. Die Madonna del Latte – welch ein Titel! erinnerte mich dann gleich noch an Dali. Nicht nur die Landschaft. Ich weiß nicht, wie das kommt.
Aber eventuell ist das der Grund: Hat das vom Bild reflektierte Licht den optischen Apparat unseres Auges passiert – und ist durch die Fotorezeptoren in elektrische Impulse umgewandelt – haben wir ein Bild im Kopf. Dieses scheint bei jedem Menschen ähnlich zu sein, obwohl der eine mehr und der andere weniger sieht. Danach wird das Bild mit zuvor gespeicherten Bildern verglichen und im besten Fall entsteht ein Vergleich oder auch eine Einordnung, aus der wiederum eine Erkenntnis gewonnen werden kann. Die ist zu großen Teilen subjektiv.
Bramantino ist mit seinen frühen Bildern klar dem Quattrocento zuzuordnen wie man unschwer bei der Ausstellung Bramantino in Lugano erkennen kann.
Also der eher frühen Renaissance, der auch Botticelli angehörte, oder der des unter die Haut gehenden Mantegna. Zu dieser Zeit wurde Tizian geboren und Michelangelo zerrieb als Kleinkind Pigmente im Mörser. Die frühe Renaissance ist sozusagen eine Form der neuen Sachlichkeit, denn danach gingen die Pferde mit den Künstlern durch. Sie wurde rauschhaft, opulent und verloren die Statik ihrer Vorgänger.
Wer oben anfängt, muss runter. In den unteren Ausstellungssälen kam die Überraschung. Aus diesem Grund war Bramantino in Lugano eine wirkliche Erkenntnis.
Jene dort zu sehenden Bilder trugen zwar den Namen des Bramantino schienen mir aber keine mehr zu sein. Der Rezensent des Deutschlandfunks erklärt die plötzliche Veränderung mit dem Zeitgeschehen. Religiöser und philosophischer Wirrnisse und einem gescheiterten Konzil. Auch der Protestantismus muss herhalten. So erklärt er die „Teigigkeit“ (dieser Begriff stammt von mir) seiner Gemälde nach 1500 und das sie jegliche Individualität verloren hätten.
A priori steigert sich die künstliche Potenz, wenn Unruhe herrscht. Ja, sie tut ihr gar gut und hat große Kunstwerke hervorgebracht.
Satte Zeiten sind eher beliebig zu nennen. Obwohl – auch der Rokoko hat schöne Bilder hervorgebracht. Francois Boucher`s ruhendes Mädchen würde heute die Zensoren auf den Plan rufen und diverse Talkshows ereiferten sich über den Missbrauch von Minderjährigen, denn die ruhende Geliebte des Herrschers war minderjährig. Gern hätte ich den Boucher als Titelbild verwendet, um Leser anzulocken. Wer liest schon einen Text, dem ein Christusbild vorn angestellt ist. Obwohl der Bramantino in Lugano sehr lehrhaft war.
„Das ist keine naive Vereinfachung, sie ist ethisch begründet und zugleich kunstfertig durchgeführt.
Sie interpretiert diese Stimmungslage, diese angstvolle Unruhe, die alle Schichten der Gesellschaft ergriffen hatte.“ Meint der Wissenschaftler zu Bramantino. Weit herbeigeholt dies Argument!
Ein paar Kilometer südlich setzte derweil Tizian seinen Pinsel zum großen Schlag an und Michelangelo ist ein junger Kerl von 25 Jahren.
Ich glaube eher, dass der arme Bramantino früh seinen Höhepunkt erreicht hatte. Darf man das nicht? Reichen nicht zwei Handvoll gute Bilder? Muss man immer bis zum letzten Atemzug Höchstleistung bringen? Aus irgendwelchen Gründen hat er seine Form verloren. Eventuell wollte er ja modern sein, hat Arbeiten von Kollegen gesehen die weicher waren. Die von Tizian sah er sicher nicht.
Ein ähnliches Nachlassen der künstlerischen Stringenz habe ich bei einem Zeitgenossen von Bramantino Jahre zuvor entdeckt. Von Perugino, der auch dem Quattrocento zuzurechnen ist, gleichwohl er viel südlicher arbeitete – wie sein Name nach der Stadt Perugia verrät – sind Bilder zu finden, die im Gegensatz zu seinen weltmeisterlichen früheren Werken einfach schwach sind und sich in Landkirchen und kleinen Museen verstecken.
Letztens sah ich nochmals dieses Phänomen in New York bei David Hockney in der Pace Gallery.
Bleibt die Frage zu stellen, warum sich Kunsttheoretiker nicht trauen, solch ein Nachlassen der künstlerischen Qualität einfach als eine solche zu benennen. Das Beschriebene ist eine Tatsache und muss wirklich nicht verschwiegen werden. Eventuell sollte man die Berühmtheit eines Menschen grundsätzlich von seinem Werk und seinen Taten trennen. Dies wäre redlich und tut einem grandiosen Frühwerk nicht weh, so der Schreiber nicht aus Missgunst oder mit Häme, dass Gesehene beschreibt.