Anselm Feuerbach war also auch in Florenz

Natürlich ist es nur eine Hypothese, aber wird nicht so manches Gemälde nur wegen einer Figur, eines sonstigen Gegenstandes, einer Wurzel oder eines Milchtopfes erschaffen?

Anselm Feuerbach war also auch in Florenz und nicht nur in Rom. Demnach musste er sich unweigerlich – hier wie da – mit Michelangelo beschäftigen. Dessen Leda hat er mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht im Original gesehen, weil diese 1532 nach Fontainebleau verbracht wurde. Schon kurz nach dieser Überstellung soll Anna von Österreich einen ihrer Minister angewiesen haben das Bild, wegen seiner unmoralischen Darstellung, zu vernichten.

Es ist nicht bewiesen ob dies auch geschah. Jedenfalls ist die lüsterne Leda seit dem verschwunden.

Lediglich eine Kopie dieser grandiosen Komposition hängt in der National Gallery zu London, und ist noch nicht durch die Akteurinnen der aktuellen Leibfeindlichkeit von der Wand gerissen und in Tausend Stücke zerfetzt im Müll gelandet.

Wie dieses Bild Rubens zur Kenntnis gelangte, ist mir nicht bekannt. Vermutlich aber sah er es, als er 1629, als Diplomat der spanisch-habsburgischen Monarchie, nach London gesandt wurde.

In jungen Jahren, also 1601 und 1602, schuf Rubens jedoch zwei Versionen nach Michelangelos Leda mit dem Schwan. Also ist London außen vor. Nun behauptet das Netz Rubens sei in Italien mit dem Werk „bekannt gemacht wurden“. So ist zu vermuten, dass von diesem Motiv mehrere Kopien im Umlauf waren. Wir haben Glück, dass Kopisten das Werk gerettet haben. Ein Lob auf dem Kopisten, der weder mit einem Fälscher zu verwechseln ist, noch mit dem grassierenden Bilder- und Ideenklau in unserer Zeit.

Rubens ist ohnehin für seine Wildereien in anderen Kunstrevieren berühmt. Jedoch hat er nicht simpel geklaut, sondern ist an diesen Übernahmen gewachsen und hat eigene, große Kunstwerke daraus geformt.

Unser lieber Anselm hat auf jeden Fall Michelangelos Grabmal des Giuliano di Lorenzo de‘ Medici in Florenz gesehen und sicher auch dessen Leda. Und damit erklärt sich, für mich, die zentrale Figur der Amazonenschlacht. Zumal diese zuvor schon dominant in der ersten, im 2. Weltkrieg zerstörten, Fassung zu sehen war. Die Körperhaltung ist einfach zu eindeutig. Nebenbei sei noch darauf hingewiesen, wie sehr sich die weiblichen Figuren auf dem Grabmal und die der Leda des Michelangelo ähneln.

Wie Anselm Feuerbach in seiner Detail-Studie zur Amazonenschlacht die Figur linear behandelt, wie er die Plastizität durch Strichführung und Weißhöhung betont, weist eindeutig auf eine sehr intensive plastische Inspiration hin.

A priori weiß ich, dass oft der Anlass für eine größere Komposition von einer Figur ausgeht.

Feuerbachs Amazonenschlacht ist ein Beispiel dafür. Sie fragen nach Beweisen? Ich führe sie hier an. Das gewaltige Werk – die Amazonenschlacht von Anselm Feuerbach hat die Ausmaße von 405 x 693 cm und entstand im Selbstauftrag. Natürlich wollte der Künstler mit diesem Werk Ruhm erlangen, aber augenscheinlich war auch die zentrale Figur, für die wohl seine Geliebte, Anna Risi, genannt Nanna, Model war, ein Antrieb dieses Projekt anzugehen. Letztendlich brachte dem Maler dieses Bild jedoch keinen Ruhm ein. Es wurde zwar beachtet, jedoch fand es keinen Käufer und wurde, weil letztendlich unverkäuflich, nach seinem Tod der Stadt Nürnberg geschenkt.

Nun aber meine Beweisführung die Zentrale Figur betreffend.

Vergleicht man sie mit den anderen Figuren dieser Komposition ist deren Ausarbeitung präziser, gekonnter und mit Leidenschaft vorgetragen.

Die vor ihr – links liegende – Figur ist plakativer ausgeführt und verrät, mit Verlaub, eine mangelnde Vorbereitung an Hand von Studien nach der Natur.

Bei der rechten Figur ist eine, auch durch die Drapierung mit Stoff nicht zu verbergende, Verzeichnung und perspektivisch schlechte Umsetzung des – von uns aus zu sehenden – rechten Armes anzumerken. Nicht das bei Rubens solches nicht auch vorgekommen wäre, er war nur ein Meister der Vertuschung von, manchmal auch nötigen, Unkorrektheiten. Feuerbach war im kleinen Format einfach besser. Die Schulter der sich über dem Knie der zentralen Figur befindlichen, halb Stürzenden, geht zum Beispiel gar nicht.

Aber nun genug kritisiert. Wie komme ich eigentlich dazu hier rumzumäkeln?

Während meines Studiums hatten wir nicht nur künstlerische Anatomie sondern wir schulten unseren Blick auch an der Antike. Ein von uns benutztes Standartwerk war „Das zeichnerische Aktstudium“ von Gottfried Bammes, dem Papst der künstlerischen Anatomie der verblichenen DDR. Herausgegeben 1973 und für die damalige Zeit stolze 39,00 Mark der DDR wert. Sowas kaufte der Student, obwohl man dafür an die 80 Bier hätte trinken können. Bedeutete also 10 Tage absolute Abstinenz. Daran sieht man, dass wir alles für die schönen Künste opferten.

In diesem besagten Werk ist die Studie der zentralen Figur der Amazonenschlacht zu finden.

Freilich benötige auch ich Anregungen.

So entstand 2003 dieses kleine Gemälde nach der Zeichnung von Anselm Feuerbach, die von Michelangelo inspiriert war.

Freilich war mir nicht bekannt, welche Bewandtnis es mit dieser Studie hatte. Und nun stand ich plötzlich im Germanischen Nationalmuseum – welch ein martialischer Name – vor der Lösung. Ja ich stand nicht nur davor. Ich setzte mich auf das, unglücklich und die volle Sicht auf die Amazonenschlacht versperrende, gewaltige Sitzmöbel und begriff plötzlich die Zusammenhänge.

Da man Nürnberg nicht verlassen darf, ohne von den dortigen Würsten probiert zu haben wagte ich mich an die sauren Zipfel. Und da die Wurst schon bei Homer und seiner Odyssee eine Rolle spielte kommen wir auch hier nicht umhin über Kultur zu sprechen.

So sie mehr wissen wollen, folgen sie hier dem Maler und Wurstforscher auf seinen Wegen.