Cranach Picasso und der Honigdieb
Manche Motive wie Cranach oder Picasso mit ihrem Honigdieb erschöpfen sich nicht. Stattdessen wechseln sie ihre Gestalt und tauchen in neuen Zeiten wieder auf.
Unter einem Baum steht eine Venus. Neben ihr ein kleiner Amor, die Hand am Kopf, die Wabe noch festhaltend. Dies verbindet Cranach, Picasso und Theokrits Geschichte vom Honigdieb.
Einige Jahrhunderte später erscheint dieselbe Konstellation erneut. Zwar hat sich die Bildsprache verändert, doch die Ordnung bleibt erstaunlich stabil, denn sie hat einen Ewigkeitswert.
Zwischen Lucas Cranach dem Älteren und Pablo Picasso liegt keine direkte Entwicklungslinie. Dennoch verbindet sie das Motiv Venus und Amor als Honigdieb, das sich über die Jahrhunderte hinweg behauptet.
Die Konstruktion der Venus bei Cranach
Bei Cranach ist die Venus nicht einfach dargestellt, sondern bewusst konstruiert.
Der Körper erscheint langgezogen und kühl, fast ohne Gewicht. Gleichzeitig wirkt die Haut glatt und geschlossen, beinahe verletzlich. Dadurch entsteht eine Distanz, die den Blick lenkt. Auf sie lenkt. Die Venus, welche den Betrachter selbstbewusst anblickt. Auch ein wenig herablassend und skeptisch?
Zugleich symbolisiert der Baum mit seinen prallen Äpfeln die Verführung. Möchte Venus den Baum rütteln und schütteln, damit sich die Äpfel auf die Menschheit verteilen?
Währenddessen bleibt Amor unten positioniert und übernimmt die erzählerische Funktion. Da trifft ein biblisches Symbol auf eine Geschichte aus der Antike.
Auffällig ist zudem der Kopfschmuck der Venus. Ein Heiligenschein aus Tüll und Tinnef – böse formuliert. Dieser gehört nicht zur Natur, sondern zur Inszenierung einer ambivalenten Figur.
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Theokrit und der Ursprung des Honigdiebs
Der Ursprung des Motivs liegt in der antiken Dichtung bei Theokrit.
In seinem kurzen Gedicht stiehlt Eros Honig aus einem Bienenstock. Kurz darauf wird er gestochen und klagt über den Schmerz. Seine Mutter Aphrodite antwortet mit einer präzisen Umkehrung: Obwohl Eros klein ist, verursacht er selbst größere Wunden.
Damit ist der Kern bereits formuliert. Die Liebe erscheint süß, zugleich aber schmerzhaft. Genau diese Spannung bildet die Grundlage für das spätere Bildmotiv Venus und Amor als Honigdieb.
Cranach greift diesen Gedanken auf und überführt ihn in eine visuelle Ordnung. Dadurch wird aus dem Gedicht ein Bild, das Verführung und Verletzung gleichzeitig zeigt.
Die Story vom Honigdieb.
Theokrit:
Einmal Eros, den Dieb, stach übel ein Bienchen, als Waben
Er aus den Stöcken geplündert; die Spitzen der sämtlichen Finger
Setzte der Stachel in Gluten; er hauchte im Schmerz sich die Hand an,
Stampfte den Boden und sprang in die Höh‘ und wies Aphroditen,
Was für Weh‘ ihm geschehen, und jammerte, daß ein so winzig
Tierlein die Biene doch sei und mache so mächtige Wunden.
Lachend die Mutter darauf: Gleichst nicht du selber der Biene?
Wie bist winzig auch du, und machest so mächtige Wunden!
Theokrit gehört zu den prägenden Dichtern der hellenistischen Zeit. Im 3. Jahrhundert v. Chr. entwickelt er mit seinen Idyllen eine neue Form von Dichtung, die das Einfache, das Ländliche und das scheinbar Nebensächliche ernst nimmt.
Seine Texte wirken oft leicht, beinahe beiläufig – und tragen doch eine erstaunliche gedankliche Schärfe in sich.
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Picasso und die Adaption nach Cranach
Im Werk von Picasso bleibt die Grundstruktur erhalten, während sich die Form deutlich verändert.
Zunächst steht die Venus weiterhin im Zentrum. Ebenso bleibt Amor am unteren Bildrand positioniert. Darüber hinaus fungiert der Baum erneut als tragendes Element der Komposition.
Allerdings löst Picasso die geschlossene Form Cranachs auf. Der Körper wirkt nicht mehr modelliert, sondern reduziert und zeichenhaft. Dadurch entsteht eine neue Bildsprache, die sich stärker auf Linie und Kontrast konzentriert.
Gerade hier zeigt sich die Qualität der Adaption: Picasso übernimmt nicht das Erscheinungsbild, sondern die Konstruktion des Motivs Venus und Amor nach Cranach.
Kopfschmuck als kompositorisches Element
Ein besonders deutliches Bindeglied zwischen beiden Bildern ist der Kopf der Venus.
Bei Cranach erscheint der Kopfschmuck als kunstvolle, fast übersteigerte Form. Dadurch wird die Figur bewusst aus der Natur herausgehoben. In ähnlicher Weise reagiert Picasso darauf, indem er den Hut stark vergrößert und formal zuspitzt.
Somit entsteht eine visuelle Verbindung, die über den Stil hinausgeht. Beide Künstler markieren die Venus als künstliche Figur. Genau hierin liegt ein zentraler Hinweis auf die bewusste Adaption.
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Cranach Picasso und der Honigdieb – Ein Motiv überdauert
Hatte es Cranach noch nötig, das Thema der Venus oder auch der Quellnymphe zu wählen, wenn er für seine bürgerliche Kundschaft „Nacktbilder“ produzierte, ließ sich Picasso durch die Gemälde alter Meister anregen.
Einerseits entwickelt Cranach aus einem antiken Text ein komplexes Bildsystem. Andererseits greift Picasso dieses System auf und überführt es in eine moderne Form.
Dabei bleiben die zentralen Elemente erhalten: die Venus, der Amor, der Baum. Gleichzeitig verändert sich die formale Darstellung grundlegend.
Und vielleicht genügt tatsächlich ein einziger Stich – der der Biene bei Theokrit –, um diese lange Bildtradition in Gang zu halten. Denn sie scheint verloren in der abstrusen bildnerischen Korrektheit der Gegenwart.
Hier finden Sie meine Texte über CRANACH















