Die Galerie der neuen Monster in Dresden

Die Galerie der neuen Monster in Dresden

Wenn man davon ausgeht, dass Museen Orte der Identifikation sind, so hat sich die Galerie der neuen Monster in Dresden zu einem Ort der Entwurzelung entwickelt.

Raubten früher Besatzungsmächte Kunst um sie sich einzuverleiben, so installieren diese in neuster Zeit ihre Artefakte in das von ihnen okkupierte kulturelle Umfeld. Diese Feststellung ist wohl politisch nicht korrekt, jedoch für mich die einzig mögliche. Vieles hätte anders laufen müssen, um den schwierigen Prozess nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zu bewältigen. Wertungen, auch die Kunst betreffend, sind schwierig und weder einfach noch pauschal zu treffen. Denn auch in der DDR wurde Unliebsames weggesperrt und ausgegrenzt und dies brutal und für die Betroffenen existentgefärdend.

Geht es also bei dieser kulturellen Invasion biblisch zu? Aug um Aug – Zahn um Zahn. So kann man das sehen. Es sind nur die falschen Protagonisten am Werk.

Foyer Galerie neuer Monster

Betritt man ein Museum und die Eingangsarchitektur entspricht der einer Shopping Mall oder eines Bahnhofs, ist nichts Gutes zu erwarten.

Die Galerie neue Meister war früher ein schönes Museum und neigte nicht zum Pomp. Man hat gern im Regen vor der Eingangstür gewartet, bis man eingelassen wurde. Die „neuen Meister“ waren das Museum meiner Jugend und meiner künstlerischen Sozialisation. Jetzt bin ich irritiert und zornig. Der Größenwahn moderner Museumsarchitektur steht in einem direkten Verhältnis zu der Kunst, welche sie repräsentieren und welcher zu immer größerer Marktstärke verholfen werden soll. Wenn es einen Staatsmonopolkapitalismus gibt, dann ist diese Entwicklung mit dem Begriff Museumsmarktmonopol treffend bezeichnet. Finanziert mit Steuergeldern und gelenkt von Großsammlern.

Der neue Bildband "Lichspiele" des Fotografen Horst Kistner - jetzt blättern

Der neue Bildband "Lichspiele" des Fotografen Horst Kistner - jetzt blättern

Horst Kistner Secret Affairs
Horst Kistner My private Hidingplace
Horst Kistner Caesar

Darnieder liegt die Kunst. Sie wurde auf dem Altar von Marktinteressen und politischem Kalkül geopfert.

Skulpturensammlung Albertinum Dresden

Das Gewölbe neben der „Bahnhofshalle“ mit Museumskasse, Cafeteria und Museumsshop ist angenehm und beruhigt das Auge nach der vorangegangenen Beleidigung der feinen Sinne durch provinziellen Größenwahn.

Ja – wenn sich da nicht der kuratorische Übereifer angemaßt hätte, altes mit neuem verbinden zu müssen hätte mich das Gewölbe sanft gestimmt. Eine plastische Installation – die ich wirklich nicht zeigen möchte – lärmte grausam vor sich hin. Man kann Rodin, Klinger und Lembruck zwar nicht beleidigen. Den Kunstbetrachter aber schon. Ja man treibt ihn aus dem Raum, welcher eigentlich zu kontemplativer Ruhe einlädt. Die Idee des Kurators oder Kuratorin ist ungefähr so gut wie die eines Graffitikünstlers der die Idee hat die Laokoon-Gruppe farbig mit Neonfarben zu besprühen.

Gut verständliche Symbole

Gefundene Dinge haben einen Reiz. Das weiß jeder Junge, der am Abend seine Hosentaschen ausleert.

Ein paar alte Tampen und Rettungsringe zu einem Haufen zusammen gebündelt stehen aber nicht unbedingt für Tausende im Mittelmeer ersoffener Flüchtlinge wie hier suggeriert wird. Dieses Artefakt könnte auch ein Mahnmal für den Untergang der Fischereiindustrie sein oder die Gemeinschaftsarbeit eines Leistungskurses BK in einem x-beliebigen Gymnasium an der Küste. Unsere Zeit liebt nicht nur Einfaches sonder auch Großes. Großes – die Maße betreffend. Man stellt mit Größe in Höhe, Breite, Tiefe und Gewicht bemessen eine Behauptung auf auch wenn jegliche Substanz fehlt. Wer laut spielt, spielt nicht unbedingt richtig.

Dann das! Ein aseptische Reinraum für unseren Gerhard Richter. Genauer zwei Räume. Baselitz tut diggsch’n – wie der Sachse sagt.

In diesen, dem Malerfürst gewidmeten, Heldensälen könnte auch Infinion Chips herstellen oder aber Operationen am offenen Herzen stattfinden. Kein Stäubchen. Es riecht noch nicht einmal nach Museum. Ein wenig nach Desinfektionsmittel – vielleicht. Mich fröstelte.

Nicht in Abrede gestellt. Richter ist ein guter Maler und liefert konstant gleiche Qualität. Ein Markenprodukt wie der berühmte Dresdner Stollen. Baselitz ist ja weg. Also bleiben nur noch die Sachsen Richter und der schon fast wieder unbekannte Penk, um dem Einheimischen zu zeigen wie toll auch sie gewesen wären, wenn sie zur richtigen Zeit in den Westen gegangen wären.

Das Spiel um und mit den Westheroen ist genau so langweilig, wie es das mit den Ostheroen war.

Sitte, Heisig, Tübke und Mattheuer hingen in jedem Museum und machten keinem anderen Platz. Willi Sitte betätigte sich auch als Zensor und schloss Ausstellung unliebsamer Kollegen. Zugleich stand er an der Spitze des allmächtigen Verbandes Bildender Künstler und hatte mit seinen Mitstreitern alles in der Hand. Auch war er Mitglied des ZK der SED und lächelte über den Schießbefehl. Freilich habe ich besonders bei diesem malenden Genossen besonderes Bauchgrimmen, wenn ich auf eines seiner Bilder treffe. Letztendlich ist aber Bild Bild und Mensch Mensch und der Altbundeskanzler Gerhard Schröder sein Freund.

Heute sind es die westlichen Namen, die die Museen und ihre Heldensäle okkupieren. Das ist trist. Das ist dumm und hat nichts mit Kunst zu tun. Es ist der Macht und deren Missbrauch geschuldet aber auch willfährigen und oft allzu eitlen Museumsleuten. Demut ist angesagt – ihr Diener der Kunst!

Horst Kistner Secret Affairs
Horst Kistner My private Hidingplace
Horst Kistner Caesar
David besiegt Goliat in Dresden

Und doch gibt es sie. Sie haben die Okkupation überstanden.

Die alten schönen und wirklich musealen Räume. Nicht mehr viele in ihrer ursprünglichen Form, dafür aber sehr gut erhalten.

Hochkultur in der Vitrine
Kunst auf Lager Galerie Neue Monster Dresden

Auch sehr schön, wie sich die in Vitrinen untergebrachte Kleinplastik zu einem Ganzen verwebt.

Konstruktion und Wirklichkeit
Holzstellage In der galerie neue Monster

Olaf Holzapfel zeigte in der Galerie neue Monster seine Fachwerkhausmodelle in klein und groß. Das ist anheimelnd und heimatlich korrekt. Noch eine Pyramide aus dem Erzgebirge daneben und schon ist es weihnachtlich.

Das war jetzt gemein. Ich lese jedoch gern Karl Kraus und der sagte. Oder schrieb. Wie auch immer: Wenn ein Künstler Konzessionen macht, so erreicht er nicht mehr als der Reisende, der sich im Ausland durch gebrochenes Deutsch verständlich zu machen sucht.

Das ist schon hart. Weil fast jeder Künstler Konzessionen macht. Und das schon immer.

Otto Dix Kriegstriptychon in der Galerie Neue Monster Dresden

Irgendwann kommen dann doch die Rudimente „meiner“ Galerie neue Meister im Albertinum.

Das Kriegstriptychon von Otto Dix, vor dem ich schon Menschen weinen sah und vor dem ich – zusammengerechnet – mindestens zwei Tage wenn nicht mehrere gesessen habe und das der um sich selbst kreisende Gerhard Richter vermutlich noch nicht gesehen hat, wie ich glaubte als er eine Behauptung aufstellte welche mir übel aufstieß. Darüber mehr in dem Text „Man kann alles malen. Aber nicht jeder“.

Der neue Bildband "Lichspiele" des Fotografen Horst Kistner - jetzt blättern

Horst Kistner Secret Affairs
Horst Kistner My private Hidingplace
Horst Kistner Caesar
Serielles von Gerhard Richter

Das geht gar nicht. Auch wenn es hipp ist und bei Gerhard Richters Reihe geliehener Porträts funktionieren mag.

Man kann nicht einfach unterschiedliche Bildqualitäten, zumal in zusammengewürfelten Rahmen mit Flohmarktcharakter, auf eine Wand hängen. Das ist respektlos und kuratorisch infantil. Im Grundstudium sollte man sich als Kunstwissenschaftler mit der Petersburger Hängung und ihrer Geschichte befasst haben, oder aber nie in einem Museum arbeiten. Es gibt doch so viele andere, sehr nützliche und auch schöne Berufe!

Didaktische Diktatur Galerie Neue Monster Dresden

Erst im Karlsruher ZKM die didaktische Ausstellung zur europäischen Nachkriegskunst. Dann in Dresden die Ausstellung „Geniale Dilletanten“.

Gestalterisch erinnerte mich dieser Versuch – finster und brutal – an die Ausstellung entarteter Kunst. Ja – Sie schreien auf. Aber dies ist eine Assoziation, die nicht nur mir in den Sinn kommt aber leider keiner aufschreibt.

Es ist einfach so bei Gestaltungen: Man macht was. Man will es eigentlich gar nicht und ist doch ganz nah dran.

Und hört vor allem auf, mich im Museum belehren zu wollen! Hatte das Haus der deutschen Geschichte keinen Platz für diese Ausstellung? Wenn Kunst nicht für sich selbst sprechen kann, ist es keine. Da braucht es keinen theoretischen Firlefanz der ohnehin oft lediglich benutzt wird um Unzulängliches zu unterfüttern.

Mit Verlaub - das ist keine Kunst

Mit Verlaub. Dieses Bild ist Garnix. Das will was – hat aber nichts mit dem zu tun, was es vorgibt zu sein.

Ich glaub, im Feuilleton darf nicht mehr klar und deutlich über schlechte Kunst geschrieben werden. Man hat ja Bildbeschreibung gelernt. Das muss reichen. Oder man theoretisiert, bis kein Normalsterblicher mehr was kapiert. Wo sind sie geblieben – die Kritiker von Früher?

Lovis Corinth In Dresden

Es gibt sie aber doch noch. Die stillen Räume. Die Räume aus meiner Zeit. Den sinnlichen Lovis Corinth.

Dessen Gemälde – würden sie heute gemalt – nicht mehr ausgestellt werden dürften. Man empfände sie als skandalös, Frauenfeintlich und überhaupt… Sie wären aus dem Ausstellungsbetrieb verbannt.

Nicht nur John Currin wird in Deutschland ignoriert. Die Damen der ART-Magaziens jaulten schon mal vorsorglich ob der Sinnlichkeit seiner Bilder auf, damit ja keiner auf die Idee kommt diesen genialen Maler in Deutschland zu zeigen. Wir leben in einer Zeit der Leibfeindlichkeit, die auch in der Kunst absurde Züge annimmt. Dies ist übrigens ein untrügliches Zeichen. Der Vorbote einer bösen Entwicklung. Dazu vielleicht später mehr.

Paul Gauguin in Dresden Neue Meister

Auch der Gaugiun, vor dem die Betrachter nicht mehr von der Südsee träumen, sondern daran denken, dass dieses Bild bei Sotheby’s eine zwei- oder gar dreistellige Millionensumme bringen könnte, ist noch da. Alle Impressionisten sind noch da. Aber wo sind die Besucher? Es war angenehm leer in diesem Museum.

Man hat ordentlich weggepackt und in das Lager verstaut.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Kaffeehausbild von Renato Gottuso und einem von Jörg Immendorf? Immerhin hat ein kleines Stillleben (46 cm x 46,5 cm) von Gottuso am 28.06.2017 bei Christie’s in London 20.494 € gebracht wohingegen die Immendorfs derzeit fast unverkäuflich sind, oder im Format von 128 cm x 103 cm bei Grisebach in Berlin gerade mal schlappe 28.000 € bringen. Am Marktpreis kann es nicht liegen. Über die Beweggründe dieses Bild zu entfernen hätte ich dann doch gern mehr gewusst.

Auch dieses eher unverdächtige Bild von Werner Tübke war nicht auffindbar. In dem Fall habe ich aber meine eigene Theorie. Es wird ein weiteres Mal einem Bilderstreit aus dem Wege gegangen. Und wo immer möglich werden Werke, die gefährlichen werden könnten, versteckt.

Wieso gibt es – zum Beispiel – keine Gerhard Richter- und einen Werner Tübke Saal im Museum der modernen Monster? Direkt nebeneinander und in der Mitte eine Urne um Stimmzettel hineinzuwerfen. Wer ist besser, oder kommt besser beim Publikum an. Im Kapitalismus geht es um Konkurrenz. Am besten ist es, man kann den Gegner einfach ausschalten oder eben unsichtbar machen. So wurde das in der DDR praktiziert und so praktiziert man es heute wieder. Werner Doyé würde Toll! Sagen.

Kaufhausdeko im Museum Neuer Monster

Spätestens an diese Stelle werden sich Kenner fragen, warum ich nicht vom eigentlichen Kern des Museums berichte.

Von den grandiosen Caspar David Friedrich Gemälden und den Romantikern überhaupt. Ich habe gezögert, denn in den Sälen der Romantiker liegt vergessene Kaufhausdeko herum. Mir ist nicht bekannt, ob es unter den Museumsleuten ein Berufsethos gibt. Jedoch sollte man über Standesregeln dringend nachdenken!

Für die Ärzte formuliert man das so:

Es ist Aufgabe des Arztes in Friedens- wie in Kriegszeiten unter Achtung vor dem Leben und der Würde des Menschen ohne Unterschied des Alters, der Rasse, der Religion, der Staatsangehörigkeit, der gesellschaftlichen Stellung, der politischen Ideologie oder irgendwelcher anderer Art, die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen zu schützen und sein Leiden zu lindern.

Ich übersetze mal notdürftig für Menschen, welche hauptberuflich mit Kunst umgehen:

Es ist Aufgabe von Kunsttheoretikern in Friedens- wie in Kriegszeiten unter Achtung vor der Existenz und der Würde der Kunst ohne Unterschied des Alters, der Herkunft, der Religion, der Staatsangehörigkeit, der gesellschaftlichen Stellung, der politischen Ideologie oder irgendwelcher anderer Art, das Werk zu schützen und es unter Berücksichtigung seiner Umgebung und seiner Beziehung zu den an seinem Standort herrschenden kulturellen Bedingungen zu würdigen.

Das die Dresdner ganz besonders sauer sind, kann ich verstehen.

Kein Theodor Rosenhauer. O.K. Ihr wisst nicht, wer das ist? Genau dies ist ja das Problem. Bernhard Kretzschmar und die neue Sachlichkeit. Alles weg.

Eine unbefristete Leihgabe eines der wichtigsten Bilder der Neuen Sachlichkeit wurde an den Leihgeber – die Stadt Döbeln – zurückgegeben. Es ist da nicht ausstellbar, weil die konservatorischen und sicherheitstechnischen Bedingungen nicht erfüllt werden können.

Ich weiß nicht, wie die Direktorinnen ans Ruder des Hauses gekommen sind. Von der Dresdner Sammlung haben sie jedoch nicht die geringste Ahnung. Das weiß ich nach meinem Besuch. Mein Lieblingsbild als Kind und ist weg. Ihr spinnt wohl! Was fällt euch eigentlich ein? Da kann auch ein sanfter Mensch böse werden.

Der Aus- und Eingang stimmt dann doch mit einer weiteren Installation aus Plastikabgüssen versöhnlich und irgendwie kann ich jetzt auch Pegida verstehen.

Nicht tolerieren und auch nicht ihrer Meinung sein, aber wissen, warum solch eine verehrende Entwicklung in Gang kam. Fremdbestimmung in welcher Form auch immer wird Konflikte auslösen.

Hilke Wagner treten Sie als Direktorin der Galerie der neuen Monster in Dresden zurück – Hessen hat auch schöne Kunstvereine und Apfelwein.

Denn sie sind ähnlich begabt wie Frau Kornelia von Berswordt-Wallrabe, welche meinte im Schweriner Museum eine Duchamp-Sammlung aufzubauen und dies auch tat. In Mecklenburg Vorpommern Duchamp. Ihr habt sie doch nicht alle. Ich bin sonst sehr zurückhaltend. Manchmal gar freundlich. Aber hier kann ich nicht anders.